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Die Wegrationalisierung des Menschen

von Robert Kurz

Der reale Ablauf einer industriellen Revolution vollzieht sich, wie die Geschichte seit dem späten 18. Jahrhundert gezeigt hat, ungleichmäßig  und mit mehr oder weniger langen Inkubationszeiten. Das Aufkommen neuer Technologien zieht also nicht unmittelbar das • Anspringen“ des entsprechenden sozialökonomischen Umwälzungsprozesses nach sich; und auch die jeweilige Basistechnologie selbst bedarf einer gewissen Reifezeit und der Vermittlung mit Innovationen auf anderen Ebenen. So datiert die Erfindung des Automobils bereits auf die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts, aber erst in Verbindung mit Taylors • Arbeitswissenschaft“ und Fords neuen Produktionsmethoden seit 1913 wurde die Grundlage für die zweite industrielle Revolution gelegt, die nach dem in der Weltwirtschaftskrise gescheiterten ersten Anlauf ihren weltweiten Durchbruch noch viel später, nämlich um 1950 erlebte. Eine derart über mehr als ein halbes Jahrhundert gestreckte ungleichmäßige Verlaufsform bietet natürlich Raum für vielfältige und gegensätzliche Interpretationen, bis sich schließlich der wahre Charakter der epochalen Umwälzung herausschält.

Die technologischen Innovationen der dritten industriellen Revolution fanden zu einer Zeit statt, als der Durchbruch der zweiten noch nicht einmal vollzogen war. Dabei läßt sich die jeweilige Qualität der drei großen industriellen Entwicklungsschübe hinsichtlich der Tätigkeit im kapitalistischen Produk-tionsprozeß leicht kennzeichnen: Bestand der Hauptinhalt der ersten industriellen Revolution darin, menschliche Muskelkraft durch Maschinen-kraft zu ersetzen, so lag das Charakteristikum der zweiten industriellen Revolution darin, die im Maschinensystem tätige menschliche Arbeitskraft zu • rationalisieren“ oder gleichsam zu • robotisieren“. Das zentrale Merkmal der dritten industriellen Revolution konnte es dann nur noch sein, die menschliche Arbeitskraft im industriellen Produk-tionsprozeß überhaupt überflüssig zu machen, sie durch gesteuerte Automaten und Informations-systeme • wegzurationalisieren“.

Dafür waren im wesentlichen zwei Innovationen maßgebend. Zum einen bedurfte es einer neuen Form von • Organisationswissenschaft“, die keine • Arbeitswissenschaft“ im Sinne Fords und Taylors mehr war, sondern eine • Steuerungswissenschaft“ für technologisch-ökonomische Aggregate – also unabhängig von der menschlichen • Verausgabung von Nerv, Muskel, Hirn“ ganz abstrakt für die Regulation von systemischen • Abläufen“ aller Art. Diese fand sich eben in der Kybernetik, ein Begriff, den Norbert Wiener in seinem 1948 erschienenen gleichnamigen Buch (nach dem altgriechischen Wort für • Steuermannskunst“) überhaupt erst geprägt hatte. Wiener bezeichnete damit eine neu entstandene Grenzwissenschaft zwischen Mathe-matik, Technik und Biologie (Neurophysiologie), die sich mit den • Gesetzmäßigkeiten von Funktions-mechanismen“ beschäftigte – ein dem kapitalistischen Funktionalismus auf den Leib geschriebener interdisplinärer Wissenschaftszweig. Auf die Soziologie übertragen konnte diese Wissenschaft nur Sozialtechnokratie im großen Stil bedeuten, technologisch die Automatisierung, und betriebswirtschaftlich eben das • Wegrationalisieren“ der menschlichen Arbeitskraft. Der Begriffsapparat der Kybernetik, wie er seither in den allgemeinen Wortschatz eingegangen ist, befaßt sich auf eine ganz bestimmte, an automatischer • Regelung“ interessierte Weise mit den Zusammenhängen von Kommunikation, Information, Speicherung und Rückmeldung bzw. • Rückkoppelung“. In einer ersten Gesamtdarstellung der schnell unübersehbar gewordenen neuen Wissenschaft heißt es über ihre Entstehung und ihren Inhalt, ausgehend von Wieners begriffsbildender Publikation:

• Das Erscheinen dieses Buches wirkte wie ein Kristallkeim in einer übersättigten Lösung, gleichsam mit einem Schlage lagerten sich Kristalle an, gewann all das, was auf den verschiedenen Gebieten und in den verschiedensten Ländern • in der Luft lag“, plötzlich Form, schloß sich zusammen – und die Wissenschaft • Kybernetik“ war da! (..) Da war einmal die sogenannte • Regeltechnik“, also die Theorie technischer Regelgeräte, ihre Konstruktion und ihre Einführung in die Industrie (…) Dann aber hatten einige Physiologen und Biologen begonnen, auf der Suche nach Methoden, mit denen sie dieses Verhalten der Organismen und das ungeheuer komplizierte Zusammenspiel der physiologischen Vorgänge in den Lebewesen beschreiben könnten, die Begriffe und vor allem die mathematischen Methoden der Regeltechniker zu übernehmen – in Deutschland als erster der Münchner Physiologe R.Wagner schon seit 1925. Umgekehrt konnten die Techniker aus dieser Berührung mit der Biologie wieder viel für die Theorie und für die Konstruktion ihrer • Regler“ lernen. Ein zweites Gebiet, auf dem entsprechende Probleme schon behandelt wurden, war die Nachrichtentechnik (…) Mit der rapiden Zunahme des Nachrichtenwesens in der Welt, das zugleich immer größere Entfernungen zu überbrücken hatte, entstanden für die Nachrich-tentechniker viele neuartige Probleme, etwa: Wie kann man mit möglichst wenig Aufwand und in möglichst kurzer Zeit ein Maximum von Nachrichten auf beliebig weite Entfernungen übertragen? Welche Rolle spielen dabei die unvermeidlichen • Störungen“? Wie lassen sich diese Störungen vermindern (…)? Dabei tauchten zwangsweise Fragen auf, die die Formulierung von Nachrichten betrafen, also Probleme der Sprache, der Schrift, der • Codierung“ von Nachrichten, der Erkennbarkeit von Zeichen (…) Bei diesen Untersuchungen entdeckte und präzisierte man einen ganz neuen Begriff, den der • Information“. Es entwickelte sich ein eigener Wissenschaftszweig, die Informationstheorie, selbst eine Wissenschaft auf einer terra incognita zwischen Nachrichtentechnik, Sprachtheorie, symbolischer Logik, Mathematik usw., die dann wieder für die Regeltechnik und die Biologie von zunehmender Wichtigkeit wurde (…) Alles drängte eigentlich zu einer Vereinheitlichung, zu einer Zusammenfassung (…)“ (Flechtner 1984/1966, 1,6 f.).

Die alte kapitalistische Metapher der Maschine für den Weltzusammenhang überhaupt, die schon in den ersten beiden industriellen Revolutionen ihre je spezifische Ausprägung gefunden hatte, wiederholte sich auch für die Kybernetik in deren Definition als • allgemeine formale Wissenschaft der Maschinen“, wobei ausdrücklich dazugesagt wurde, • dass hier unter <Maschinen> auch Lebewesen, Gemeinschaften, Volkswirtschaften und dgl. zu verstehen sind“ (Flechtner, a.a.O., 9) Norbert Wiener selbst definierte • seine“ Wissenschaft 1960 auf einer Tagung folgendermaßen: • Die Kybernetik ist die Wissenschaft von Kontrolle und Information, gleichgültig, ob es sich um lebende Wesen oder um Maschinen handelt“ (zit. nach: Flechtner, a.a.O., 9). Ironischerweise war es aber gerade diese umfassende • Maschinen-wissenschaft“, die den Menschen als kapitalistische Maschine obsolet machen und gerade diese • Kontrollwissenschaft“, die den Kapitalismus endgültig außer Kontrolle bringen sollte, wie es ja Wiener selbst vorausgeahnt hatte.

Zum andern bedurfte es allerdings auch buchstäblich einer neuen Art von Maschine, um die Kybernetik überhaupt im großen Maßstab wirksam zu machen und die dritte industrielle Revolution auf den Weg zu bringen. Diese Maschine neuen Typs war der Rechenautomat, die elektronische Rechenmaschine, deren Entwicklung von Anfang an in engem Zusammenhang mit der Geburt der Kybernetik stand. Die Idee als solche und einfache Formen ihrer Ausführung sind sehr alt. Mathe-matische Vorüberlegungen dazu gab es schon im Mittelalter. Leibniz verfolgte das Programm einer • universellen Formalisierbarkeit“ der Welt in Verbindung mit der Konstruktion von Rechenauto-maten. Alle diese Optionen blieben in den Kinderschuhen stecken, weil es nicht genügend „Speicherkapazität“ gab und die Geschwindigkeit der Rechenoperationen zu langsam war. Immerhin liefen in der ersten industriellen Revolution die mechanischen Webstühle bereits mit einer Lochkartensteuerung: • Bonchon benutzt etwa um 1725 ein Lochpapier, um Muster mechanisch zu übertragen (…) 1805 verbessert Jacqard die Lochkartensteuerung durch Hintereinanderknüpfen von Lochkarten – ein erster Einstieg in die Datenverarbeitung“ (Coy 1985, 47). Und 1890, noch am Vorabend der zweiten industriellen Revolution, erfand der deutsch-amerikanische Ingenieur Hermann Hollerith (1860-1929) die Lochkartenmaschine. Aber erst im 20. Jahrhundert kam die Grundidee in großem Stil auf die Tagesordnung der technologisch-naturwissenschaftlichen Entwicklung im Kapitalismus. 1936 kreierte der englische Mathematiker M.Turing das Gedankenmodell einer nach ihm benannten Maschine, das den • Begriff der Berechenbarkeit oder der Konstruierbarkeit“ (Coy 1985, 31) formulierte:

• Die Turing-Maschine ist (…) ein mathematisches Modell einer Rechenmaschine. Sie kann bei geeignetem Programm jede Berechnung ausführen, die ein Mensch durch Beschreiben von Papier ausführen kann (…) In der folgenden Zeit wurde deutlich, dass dieses mathematische Maschinenmodell zu allen bekannten formalen Kalkülen der Berechenbarkeit äquivalent ist (…) Die Umsetzbarkeit des mathematisch definierten Rechenautomaten war Turing bewußt. Während des Krieges arbeitete er in einer Dechiffrierabteilung der britischen Armee an einer solchen Maschine, dem • Colossus“-Projekt. 1947 wurde in der Folge dieses Projektes der erste britische Rechner gebaut“ (Coy, a.a.O., 30f.).

Im selben Jahr 1936 baute der deutsche Ingenieur Konrad Zuse einen • Ziffernrechner“, der • Gleichungen für statische Rechnungen programmgesteuert lösen konnte“ (Coy, a.a.O., 63). Der Zweite Weltkrieg beschleunigte die Entwicklung der automatischen elektronischen Rechenmaschi-nen für die Berechnung von Geschoßbahnen, die Entschlüsselung feindlicher Nachrichten-Codes und nicht zuletzt für den Bau der Atombombe; auch bei der technologischen Grundlegung der dritten industriellen Revolution war der Krieg wieder einmal der Vater aller kapitalistischen Dinge. Aber die mit Hilfe der Elektronenröhre betriebenen Rechner waren noch viel zu schwerfällig und aufwendig, um Bestandteil einer neuen Art der Massenproduktion werden zu können. 1948, zeitgleich mit Wieners Kreation der Kybernetik, gelang der entscheidende technische Durchbruch: In den Bell-Laboratorien vor den Toren New Yorks erfanden die Ingenieure John Bardeen, Walter Brattain und William Shockley den Transistor – die • Nervenzelle des Informationszeitalters“. 1956 bekamen sie dafür den Nobelpreis. Der Transistor, ein elektronisches Verstärkerelement aus Halbleitermaterial, vermied die Heizleistung der Elektronenröhre und war nicht nur von Anfang an um vieles kleiner, sondern auch weiter miniaturisierbar. Ende der 50er Jahre entstand schließlich durch die Integration mehrerer Transistoren der Mikrochip. Alle Grundelemente der mikroelektronischen Revolution waren damit vorhanden:

• Innovationstheoretisch sind der Transistor und die darauf folgende mikroelektronische Technologie interessant, weil sie als (…) Basisinnovation (…) ein Kernelement eines technologischen Strukturwandels, der automatischen Steuerung von Maschinen darstellt, dessen Folgen für die Produktionstechnologie so umfassend sind, dass nicht von ungefähr von einer <industriellen Revolution> gesprochen wird (…) (Halfmann 1984, 60).

Die Automatisierungsdebatte Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre war also nicht mehr bloße Science fiction, sondern hatte bereits einen realen technologischen Hintergrund, während sich noch der fordistische Boom entfaltete. Der Transistor erweiterte schlagartig den Anwendungsbereich elektronischer Steuerungen. Bei jener Tagung der IG Metall im Jahr 1965 berichtete Walter P.Reuther, der Vorsitzende der US-amerikanischen Automobil-arbeiter-Gewerkschaft, über die ersten neuartigen Automationstendenzen:

• Als unsere Gewerkschaft vor zehn Jahren eine Schrift über die Auswirkungen der Automation herausgab, nannten wir auch einige aufsehenerregende Beispiele, wie eine automatische Drehbank, die selbst ihre Schneidewerkzeuge neu einstellen oder gegebenenfalls austauschen konnte; Drehbänke und Bohrmaschinen, die durch elektronische Vorrichtungen oder Lochstreifen gelenkt wurden und hochqualifizierte Arbeitnehmer ersetzen konnten; und dann eine Maschine mit einem <elektronischen Gedächtnis>, die eine Kurbelwelle genau studieren, etwaige Unebenheiten entdecken und sie sich merken, dann die Kurbelwelle anhalten und automatisch die Unebenheiten beseitigen konnte (…) Im wesentlichen zeigt sich das gleiche Bild für fast alle Industriezweige (…) Fast überall wird mit einer Produktionssteigerung gerechnet, aber der technische Fortschritt wird das Anwachsen der Beschäftigung verlangsamen oder sogar verringern“ (Reuther 1965, 1078 ff.).

Dennoch gab es immer noch eine gewisse Inkubationszeit der Entwicklung, gewissermaßen einen doppelten Wettlauf: Zum einen zwischen der Expansion der fordistischen Märkte und der neuen mikroelektronischen Rationalisierung, zum andern zwischen dem betriebswirtschaftlichen Kostenkal-kül und der Miniaturisierung sowie der damit verbundenen Verbilligung der Rechner und Steuer-ungsanlagen. Die dritte industrielle Revolution reifte im Schoße der zweiten heran:

• Die Automatisierung beginnt mit der Verfahrenstechnik in der Chemieindustrie und der Petrochemie, der Stahlindustrie, dem Bergbau, der Energieproduktion und in der Lebensmittelproduktion. Die Automatisierung der metallverarbeitenden Industrie ist wegen der Komplexität und Unterschiedlichkeit der einzelnen Produktionsschritte erheblich schwieriger und beginnt massenhaft erst in der Mitte der siebziger Jahre nach der Einführung des Mikroprozessors als billigem Regel- und Steuerbaustein (…)“ (Coy 1985, 64).

Solange die entgegengesetzten Kräfte in verschiedenen Richtungen an der gesellschaftlichen Reproduktion zerrten, waren die letztendlichen Folgen der dritten industriellen Revolution noch nicht klar zu erkennen und der historische Optimismus der Gewerkschaften und von Theoretikern wie Fourastié schien praktisch noch nicht widerlegt. Obwohl sich die fordistische Expansion der Märkte Ende der 60er Jahre bereits erschöpft hatte, legten sich die Wellen der Automatisierungs-Debatte erst einmal wieder. Die sogenannte • Ölkrise“ lenkte die Aufmerksamkeit zunächst in eine andere Richtung. Aber als deutlich wurde, dass die einsetzende neue Massenarbeits-losigkeit im Weltmaßstab nicht mehr allein dem Ölpreisschock geschuldet sein konnte, kehrte auch die Frage nach den sozialökonomischen Folgen der Automation zurück: jetzt allerdings weitaus ungemütlicher und weniger optimistisch als fünfzehn oder zwanzig Jahre zuvor.

Die technologische oder auch inzwischen als • strukturell“ bezeichnete Massenarbeitslosigkeit, die parallel zum Aufstieg der mikroelektronischen Revolution seit Beginn der 80er Jahre immer unerbittlicher anstieg, zeigte ein Charakteristikum an, das für das kapitalistische Bewußtsein zutiefst beunruhigend wirken mußte: Die Arbeitslosigkeit war insofern eine strukturelle geworden, als sie nicht mehr in Korrespondenz mit dem konjunkturellen Zyklus an- oder abschwoll, sondern unabhängig davon kontinuierlich wuchs. Nicht nur hatte das Wachstum sich relativ verlangsamt, sondern der Zyklus legte sich nur noch als schwache Modulation über eine massive, absolut ansteigende Massenarbeitslosigkeit, deren • Sockel“ in der Folge bis zum Ende des 20. Jahrhunderts stetig größer werden sollte. Dieses Problem hatte sich zum gesellschaftlichen Hauptproblem gemausert, zu einer globalen Dauerkrise, die alle anderen Probleme überlagerte oder zunehmend überhaupt erst hervorbrachte.

Hannah Arendts Diktum von der • Krise der Arbeitsgesellschaft“ wurde jetzt nicht nur erstmals für ein großes gesellschaftliches Publikum relevant, sondern nahm auch einen drohenden Ton an. 1983 veröffentlichte die IG Metall eine Untersuchung zur technologischen Massenarbeitslosigkeit, deren Titel • Maschinen wollen sie – uns Menschen nicht!“ sich im Vergleich zum goldenen Optimismus von 1965 schon richtig kläglich anhörte. Entsprechend düster oder verhärtet stellte sich nun auch die theoretische Reflexion dar. Schon 1977 schrieb der Philosoph Günther Anders über die • Antiquiertheit der Arbeit“:

• Nun, die Mehrzahl der heute Arbeitenden gehören noch nicht zur Kategorie der Automationsdiener. Aber der Trend ist unaufhaltsam: im Jahre 2000 werden, so sagt man voraus, die meisten Arbeiter Automatenarbeiter sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass dann alle <Arbeitswilligen> an oder in Automationen arbeiten werden. Denn es gibt eine eiserne Regel der Umkehrung der Proportion, die besagt, dass mit der steigenden Zahl der Automationen die Zahl der erforderlichen Arbeiter sinkt. Anders ausgedrückt: Es ist unvermeidlich, dass, gewissermaßen als <zweites Produkt>, aus den Automationen ein Millionenhaufen von Arbeitslosen (…) herausfällt (…) In Japan gibt es bereits <unmanned factories>. Die wird es bald auch anderswo geben, ebenso <unmanned officies>, da heutige Computer (…) millionenfach so schnell rechnen wie ihre Konstrukteure (…) Wird sich nicht die Menschheit in ein einziges kolossales Lumpenproletariat verwandeln? (…) Denn die Arbeitslosigkeit, die nunmehr bevorsteht, wird die, die vor 50 Jahren geherrscht hatte, als harmlos erscheinen lassen. Wenn man bedenkt, dass schon die damalige eine der Hauptursachen des Nationalsozialismus gewesen war, dann kann einem der Mut vergehen, sich vorzustellen, was die bevorstehende hervorbringen wird. Gar nicht unmöglich, dass die (damals wirtschaftlich widersinnigen) Auschwitzer Gasöfen die Modelle für die <Bewältigung> der Tatsache, dass es, verglichen mit Arbeitsgelegenheiten, <zuviele Menschen gibt>, abgeben werden (…)“ (Anders 1987/1977, 94 ff.).

Hier werden mit ahnungsvollem Ensetzen bereits die schwärzesten Konsequenzen aus dem drohenden Zusammenbruch der Arbeitsmärkte gezogen, die auf die Spuren der liberalen Vernichtungs-phantasien gegen die kapitalistisch • überflüssigen“ Menschenmassen während der großen Transfor-mationskrise der ersten industriellen Revolution verweisen. Wie so viele Kritiker vor ihm führt jedoch auch Anders, obwohl er gelegentlich und wie nebenbei vom Kapitalismus redet, das katastrophenträchtige Problem unvermittelt und letztbegründend auf • die Technik“ zurück und macht es damit ausweglos. Zwar ist es ein treffender Ausdruck, wenn er vom • Totalitarismus der Geräte“ (a.a.O., 109) spricht; aber doch nur deswegen, weil in diesen • Geräten“ die Produktivkräfte bereits in einer spezifisch kapitalistischen Form gebunden sind, deren Logik keine • technische“ an sich ist, sondern die ökonomische Vernutzungslogik • abstrakter Arbeit“. Anders • eigener Argumenta-tionsgang macht indirekt den destruktiven Charakter betriebswirtschaftlicher Rationalität deutlich; denn es ist 1977 so wenig wie 1844 oder 1999 glaubwürdig, dass • arbeitssparende Maschinen“ an sich, aus rein • technischen“ Gründen, massenhaft Menschen ins Elend stürzen sollen. Das kann gar nicht durch die Technik als solche, sondern nur durch die Form der gesellschaftlichen Organisation verursacht sein, die zu solchen widersinnigen Konsequenzen der technischen Entwicklung führt.

Nennt aber Anders wenigstens noch die systemische Brutalität beim Namen, auch wenn er den sozialökonomischen Bedingungszusammenhang verfehlt, so macht Ralf Dahrendort fünf Jahre später beim 21. Deutschen Soziologentag aus seinem liberalen Herzen keine Mördergrube und führt ein Räsonnement ein, das gerade als ökonomisches die • Krise der Arbeitsgesellschaft“ in der klassischen Manier der angelsächsischen Volkswirt-schaftslehre wegerklärt und zugleich indirekt eine infame • Lösung“ nahelegt, auch wenn der Großdenker des zeitgenössischen Liberalismus daran selbst nicht so recht glauben mag:

• Alle reden von der Arbeitslosigkeit. Man kann es verstehen. Noch in der Mitte der 70er Jahre lag in den OECD-Ländern der Prozentsatz der Beschäftigten, die ohne Arbeit waren, bei drei, allenfalls vier Prozent (…) Friedrich von Hayek hat argumentiert, dass es in einer echten Marktwirtschaft keine Arbeitslosigkeit geben könnte; der Preis der Arbeit würde sich auf einer Höhe einpendeln, die allen Beschäftigung verschafft (…) Solange die Dimension der Reallöhne sich nicht verändert, erklären sie zwar die Arbeitslosigkeit, eignen sich aber nicht zu ihrer Bekämpfung. Die Reallöhne, die wir heute kennen, sind das Ergebnis einer langen und folgenschweren Entwicklung, (…) der Entwicklung der Staatsbürgerrech-te. Das gilt insbesondere, wenn wir Maßnahmen zur Sicherheit am Arbeitsplatz und vor allem zur Sicherheit des Arbeitsplatzes hinzunehmen, also vom Realeinkom-men im umfassenden Sinn sprechen. Alle diese Entwicklungen machen Arbeit teuer. Die Arbeitslosigkeit beruht auf dem Preis der Arbeit (…) Der zunehmende Erfolg der Arbeitnehmer ist daher die treibende Kraft der Arbeitsgesellschaft, der am Ende zu ihrer Aufhebung führt (…) Es wird ja oft gesagt, die Ursache für nicht eindeutig konjunkturell bedingte Arbeitslosigkeit läge in der technischen Entwicklung. In der Tat läßt sich nicht leugnen, dass Arbeitsplätze durch technische Prozesse ersetzt werden (…) Nur eben ist der technische Fortschritt entgegen dem Gesellschaftsbild der Arbeiter kein <Naturgesetz>. Die These von der Vernichtung der Arbeitsplätze durch die Technik greift zu kurz. Die Technik ist längst eher Folge als Ursache sozialer Entwicklungen geworden, Teil der Produktionsverhältnisse und nicht Produktivkraft. Ohne steigende Reallöhne bliebe die technische Entwicklung über weite Strecken rein theoretisch. Technische Neuerungen werden eingeführt, weil sie billiger sind; und sie sind nicht an sich billiger, sondern im Vergleich zur menschlichen Arbeit. Die sogenannte <strukturelle> oder <technologische> Arbeitslosigkeit ist genau genommen Arbeitslosigkeit auf Grund des Preisvorteils der Technik gegenüber der Arbeit“ (Dahrendorf 1983, 25 ff.).

Es ist die altgewohnte Rabulistik des klassischen Liberalismus, die sich da wieder ungeniert zu Wort meldet. • Bedauernd“ wird darauf hingewiesen, dass die • eigentliche“ Ursache der Misere die • zu große“ Höhe der Reallöhne sei. Da feixt gewissermaßen das liberale Herrschaftsbewußtsein: Hätte es nicht die • folgenschwere Entwicklung“ von • sozialen Rechten“, Erhöhung des Lohnniveaus, Verbesserung des Arbeitsschutzes usw. gegeben, wären also die alte Arbeiterbewegung und der Sozialstaat nicht so • erfolgreich“ (in Wirklichkeit mit nur sehr mäßigen Ergebnissen) gewesen, dann gäbe es eigentlich gar kein Problem. So aber kam, was kommen mußte; die Arbeitskraft wurde • zu teuer“ – und jetzt habt ihr den Salat! Logisch wären also • eigentlich“ die wirtschafts-extremistischen Parolen angesagt: Runter mit den Löhnen, weg mit den Sozialleistungen, Schluß mit dem • Klimbim“ sozialer Schutzrechte! Das, so fährt das liberale Räsonnement mit honigsüßer Stimme fort, ist natürlich auf keinen Fall wünschenswert, und das wollt ihr sicher nicht, niemand von uns will das … aber dann müßt ihr eben leider auch die Konse-quenzen tragen, welche immer das sein werden!

Diese Scheinargumentation ist in einem doppelten Sinne absurd. Selbst rein systemimmanent betrachtet kann die radikale Absenkung des Niveaus von Reallöhnen und Sozialleistungen keinen Ausweg bieten. Die massenhafte Rückkehr der • arbeitenden Armen“, wie sie das liberale Bewußtsein in Wahrheit (und seiner Tradition getreu) aus tiefstem Herzen herbeiwünscht, müßte auf dem historisch erreichten Niveau der Akkumulation die kapitalistische Produktionsweise selbst dann und aus rein objektiven ökonomischen Gründen in die Luft sprengen, wenn es keinerlei soziale Gegenwehr gäbe. Dahrendorf hat schon zu Beginn der neuen Krise anscheinend rein alles vergessen, was die innerkapitalistische Debatte seit einem guten Jahrhundert an Selbstreflexion hervorgebracht hatte; von Bismarcks Zugeständnis einiger • Tropfen socialen Oeles“ bis zur fordistischen Erkenntnis von der systemischen Notwendigkeit des • investiven“ Massenkonsums von Autos, Haushaltsmaschinen usw.

Dahrendorf wiederholt einen typischen Trugschluß, wie er das mikroökonomische, vorkeynesianische Denken in der Volkswirtschaftslehre gekennzeichnet hatte: Was auf der betriebswirtschaftlichen Ebene für das einzelne Unternehmen • gut“ ist zwecks Behauptung in der Konkurrenz (Kosten-senkung), soll qua • unsichtbarer Hand“ auf der makroökonomischen Ebene der gesellschaftlichen Gesamtreproduktion ebenso positiv zu Buche schlagen. Daß sich eine radikale Absenkung der Reallöhne auf dem fordistischen Produktionsniveau makroökonomisch nur noch katastrophal auswirken kann und entsprechend auf die betriebswirtschaftliche Ebene zurückschlagen muß, wird schlicht ausgeblendet. Dahrendorf tut plötzlich so, als wüßte er nicht, wie unabdingbar und unhintergehbar die mühsam auf den Weg gebrachte Kohärenz der industriellen Massenproduktion, des Masseneinkommens in der Geldform und des Massenkonsums von Waren bereits für die Existenz des Kapitalismus selbst geworden war.

Umgekehrt war allerdings auch die makroökonomisch auf die volkswirtschaftlichen Fließgrößen zentrierte keynesianische Argumentation obsolet geworden, denn die Inflationierung des monetären Systems hatte das Konzept des • deficit spending“ ja längst eingeholt. Deshalb konnte das bloße Beharren auf diesem Konzept, wie es insbesondere der akademische Linkskeynesianismus bis zum heutigen Tag repräsentiert, erst recht keine Lösung mehr bieten – der Keynesianismus hatte sich vollständig verbraucht. Aber das heißt nur, dass von nun an mikroökonomische und makroökonomische Logik nicht mehr zur Deckung gebracht werden konnten. Während der mikroökonomische Ge-sichtspunkt unter den neuen Bedingungen eine radikale Senkung von Reallöhnen und Soziallei-stungen verlangte, legte der makroökonomische Gesichtspunkt im Gegenteil eine weitere Steigerung der Masseneinkommen nahe, um das Wachstum nicht zu gefährden. Mit anderen Worten: der innere Selbstwiderspruch des Kapitalismus war zu einer neuen, systemsprengenden Qualität herangereift. Genau diese Konsequenz mochten natürlich weder Keynesianer noch Liberale wie Dahrendorf ziehen. So verfocht das zunehmend in die Defensive gedrängte und abschmelzende keynesianische Lager weiterhin das • deficit spending“, obwohl dieses Konzept hoffnungslos ausgereizt war; während Dahrendorf implizit zu jener alten, konsequent mikroökonomischen Konzeption zurückkehrte, die schon vor dem Keynesianismus gescheitert war und diesen überhaupt erst hervorgebracht hatte. Damit deutete sich schon die Stoßrichtung der kapitalistischen Intelligenz in der heraufdämmernden neuen Systemkrise an: die Flucht nach vorn – zurück in die liberale Vergangenheit!

Aber Dahrendorfs Argumentation wäre auch dann absurd, wenn diese Rückkehr zum radikal mikroökonomischen Standpunkt und damit die Absenkung der Reallöhne tatsächlich auch im makroökonomischen Maßstab funktionieren könnte. Man muss sich nur einmal überlegen, welch groteske Zumutung er den Lohnarbeitern nahelegt: Diese sollten mit den Rationalisierungs-Potentialen der dritten industriellen Revolution in einen • Kostenwettbewerb“ und damit in eine Art Abwertungswettlauf zwischen ihren eigenen Löhnen und den Preisen der neuen Steuerungs-Technologien eintreten. Mit anderen Worten: die einzige Möglichkeit, die • Beschäftigung“ zu sichern, bestünde laut Dahrendorf darin, dass die Lohnarbeiter den technischen Fortschritt aufhalten, indem sie freiwillig ihr eigenes Lebensniveau immer tiefer herunterschrauben. Denn natürlich wäre das keine einmalige Maßnahme, sondern eine permanente Spirale von Lohnsenkung und technologischer Entwicklung, da das Konkurrenzinteresse der Anbieter von Rationalisierungs-Technologie deren stetige Verbilligung verlangt. In diesem seltsamen • Wettbewerb“ gegen den technischen Fortschritt müßte also – unter den Bedingungen der dritten industriellen Revolution – der Lohn immer weiter fallen, bis er bei Null angelangt oder sogar negativ geworden wäre. Denn angesichts der riesigen und ständig erweiterten Produktivitätssprünge der mikroelektronischen Aggregate müßte der Preis der Arbeitskraft überproportional heruntergehen; kann doch die Kostensenkung der mikroelektronischen Produktionsmittel mit einer immer weiter gesteigerten technischen Produktivität kombiniert werden, während die Leistungsfähigkeit der menschlichen Arbeitskraft absolut begrenzt ist und daher allein über die Kostenseite konkurrieren müßte.

Diese in mehrfacher Hinsicht völlig verrückte und sozial selbstmörderische mikroökonomische Konsequenz ist offenbar das letzte Wort eines von Haus aus verrückten Systems. Nicht im Traum denkt Dahrendorf daran, die einzig vernünftige Konsequenz zu ziehen. Diese bestünde selbstverständlich darin, nicht in eine aberwitzige Konkurrenz gegen den technischen Fortschritt einzutreten, sondern im Einklang mit diesem Fortschritt entsprechend mehr Muße für alle einzuklagen, bei voller Beteiligung aller an den Früchten der ungeheuer angewachsenen Produktivität. Diese einzig vernünftige Schlußfolgerung ist jedoch auf dem Boden betriebswirtschaftlicher Rationalität absolut unmöglich. So kann der liberale Großdenker nur noch blühenden Unsinn entfalten und sich dabei auf eine derart fortgeschrittene und allgemeine Verinnerlichung des kapitalistischen Selbstzweck-Systems verlassen, dass selbst dieser offenkundige Widersinn als ernsthaftes theoretisches Argument geschluckt wird. Dabei beschreibt Dahrendorf selbst am Ende seines Referats fast ein wenig verwundert den kompletten Nonsens, zu dem das Wegrationalisieren der • Arbeit“ unter weiterhin kapitalistischen Bedingungen führt:

• Der Kampf zwischen denen, die arbeiten müssen, und denen, die nicht arbeiten müssen, hat zum totalen Erfolg geführt: die, die früher nicht arbeiten mußten, sind nun zu denen geworden, die noch arbeiten dürfen, während die, die früher arbeiten mußten, nicht mehr arbeiten können. Der Klassenkampf um Arbeit hat zur vollständigen Verkehrung der Fronten geführt“ (a.a.O., 34).

In Dahrendorfs Kontext wird die Aporie der • Arbeit“ den • zu erfolgreichen“ Lohnarbeitern zur Last gelegt. Aber in Wahrheit handelt es sich um die Aporie des Kapitalismus selbst, und den Lohnar-beitern ist höchstens zur Last zu legen, dass sie sich überhaupt historisch auf die Zwänge der • abstrakten Arbeit“ eingelassen und die Arbeits-kategorie verinnerlicht haben. Dahrendorf dagegen formuliert die Aporie in dem Sinne, dass die kapitalistischen Existenzbedingungen unabänderlich und unaufhebbar sind. Wenn die Kriterien der • Arbeitsgesellschaft“ samt allen damit verbundenen ökonomischen Formen bleiben müssen, aber • die Arbeitsgesellschaft selbst zu kippen beginnt“ (a.a.O., 34), dann stellen sich allerdings elementare Fragen, die Dahrendorf nur affirmativ und daher in einem schon deutlich heraushörbaren repressiven Ton zu stellen vermag:

• Zum Beispiel: an welchem Geländer entlang kann das Leben der Menschen geordnet werden, wenn die Disziplinierung (!) durch die Organisation der Arbeit entfällt? Oder: wie läßt sich die Existenzgrundlage der Menschen sichern, wenn sie nicht mehr auf der Arbeitsleistung beruht? (…)“ (a.a.O., 34).

Gute Fragen, deren Beantwortung leicht fällt: Die • Disziplinierung“ des Menschenmaterials ist so überflüssig wie der Kapitalismus selbst; die Menschen können ihre Angelegenheiten auch ohne den äußeren Zwang entfremdeter Apparate und verhaltensgestörter kapitalistischer • Macher“ regeln. Aus Dahrendorfs Frage spricht die alte Bentham-Logik, die sich nun selber ad absurdum führt. Und nichts ist leichter, als die • Existenzgrundlage der Menschen • mit den neuen Produktivkräften zu sichern, indem diese eben jenseits der kapitalistischen Logik eingesetzt und die Produkte ganz einfach unabhängig von der • Arbeitsleistung“ der Einzelnen verteilt werden. Was denn sonst? Für den liberalen Theoretiker tun sich da nur deshalb • unlösbare Fragen“ auf, weil er sich andere als die unmöglich gewordenen kapitalistischen Antworten weder vorstellen kann noch will.

Günther Anders war wenige Jahre vorher ebenfalls auf die kapitalistische Aporie gestoßen, wie sie sich in der dritten industriellen Revolution manifestierte; er sprach davon, • dass heute Mittel und Zweck ausgetauscht sind“ (Anders 1987/1977, 99).

Grundsätzlich trifft diese Verkehrung allerdings auf die kapitalistische Selbstzweck-Logik überhaupt und von Anfang an zu; es ist allerdings bemerkenswert, dass sie sich jetzt dem unbefangenen Beobachter auch ohne das theoretische Instrumentarium der Marxschen Fetisch-Kritik offen darbieten konnte. Und obwohl er das Problem fälschlich unmittelbar auf • die Technik“ zurückführt, kommt Anders wie von selbst auf den irrationalen Selbstzweck der kapitalistischen Produktionsweise, der unter den Bedingungen mikroelektronischer Rationalisierung freilich einem Blinden hätte auffallen müssen:

• Aber während früher das Ziel der Arbeit darin bestanden hatte, Bedürfnisse durch Erzeugung von Produkten zu befriedigen, zielt heute das Bedürfnis auf Arbeitsplätze; Arbeitsbeschaffung wird zur Aufgabe, Arbeit selbst ein herzustellendes Produkt (…)“ (Anders, a.a.O., 99)

Im Kapitalismus war es nie anders; jene • einfache“ Beziehung von Bedürfnis und Produktionsprozeß, die Anders als ursprüngliche vor Augen hat, ist eigentlich vormodern. Aber die kapitalistisch erzeugte künstliche Knappheit, die paradoxerweise mit dem ständigen Anwachsen der Produktivkräfte einherging, konnte ideologisch als Verhältnis von Bedürfnissen und Ressourcen vorgegaukelt werden, solange das kapitalistische Wachstum noch einen historischen Entwicklungsspielraum vor sich hatte. In demselben Maße, wie die dritte industrielle Revolution manifest wurde, trat nun allerdings der verrückte Sachverhalt der • Arbeit selbst“ als • herzustellendes Produkt“ offen zutage – ohne jedoch, wie es bei Anders noch anklingt, zu einer radikalen Kritik dieser paradoxen Anforderung zu führen. Stattdessen erhob sich jenes schauerliche Geheul nach • Arbeitsplätzen“, das uns heute immer noch und weitaus schlimmer als vor fünfzehn oder zwanzig Jahren in den Ohren gellt.

Da die Überwindung des kapitalistischen Bedingungszusammenhangs trotz seiner nicht mehr zu übersehenden Absurdität konsequent und in einem stummen Einverständnis quer durch alle gesellschaftlichen Lager ausgeschlossen wurde, blieb nur eine in mehr oder weniger regelmäßigen Zeitabständen wiederholte zwangsoptimistische Zukunftsprognostik für einen neuen säkularen Boom; meistens schlau relativiert durch ominöse Verweise auf die undurchschaubare • Komplexität“ der • modernen Gesellschaft“, wie sie nun einmal sei. Der Grundgedanke bestand schlicht darin, dass die dritte industrielle Revolution letzten Endes ebenso wie die beiden vorhergehenden doch noch zu einem weittragenden Aufschwung von Wachstum und • Beschäftigung“ führen würde. Die schweren Einbrüche der 70er und 80er Jahre sollten wie die damit verbundene Massenarbeitslosig-keit nur eine vorübergehende Erscheinung jener Transformationskrise sein, wie sie schon die früheren strukturellen Brüche gekennzeichnet hatte. In diesem Sinne sagten seit 1983 die Weltbank, das japanische MITI (Ministerium für internationalen Handel und Industrie), die Basler Prognos AG, das Münchner Ifo-Institut und das Kieler Institut für Weltwirtschaft sowie zahlreiche Management-Gurus in Europa und den USA eine positive • Tendenzwende“ für die 90er Jahre voraus.

Mitte der 80er Jahre erschien in Deutschland ein Sammelband mit dem typischen Mutmacher-Titel • Vor uns die goldenen neunziger Jahre?“ (Jänicke 1985), der die erhoffte • lange Welle“ eines neuen Langzeitaufschwungs zur Debatte stellte. Das von Schumpeter und Nikolai Kondratieff begründete Theorem der • langen Wellen“ deckt sich zwar nicht mit dem umfassenderen Konzept der industriellen Revolutionen, weil es sich nur um eine verlängerte Konjunkturtheorie handelt; aber dabei wird ein grundsätzlicher Zusammenhang von • neuen Basistechnologien“ und • langfristigem Auf-schwung“ angenommen, wie er nach einer qualvollen Inkubationszeit mit massenhaften Opfern für die ersten beiden industriellen Revolutionen tatsächlich zutreffend war (wenn auch nie im Sinne einer allgemeinen • Wohlfahrtssteigerung“, sondern immer nur als Expansion des kapitalistischen Systems). Auf die dritte industrielle Revolution übertragen, lief also das Konzept der • langen Wellen“ darauf hinaus, dass die Schumpeterschen • schöpferischen Zerstörer“ des neuen (hauptsächlich mikroelektronischen) Unternehmertums zwar zunächst die inzwischen altgewordenen fordistischen Industrien in die Krise stürzen ( • dunkle 80er Jahre“), dann aber mit ihren aufstrebenden neuen Industrien selber zum Wachstums- und Arbeitsplatz-Motor werden würden ( • goldene 90er Jahre“). Nach diesem Muster gab man gleichsam epochale Entwarnung:

• Die meisten Autoren stimmen inzwischen darin überein, dass die letzte lange Welle der Massenmotorisierung mit der Rezession von 1967 und dem sog. Ölschock von 1973 ihren Höhepunkt erreicht und überschritten hat (…) Alte Industriekomplexe – z.B. die Automobilindustrie, die elektronische Massenartikelindustrie oder die Schornsteinindustrien in Kohle und Stahl – sind in allgemeine Überlebenskrisen eingetreten (…) Ebenso absehbar ist, dass es jenseits der Krise wieder • aufwärts“ gehen wird. Dies ist trivial, insofern die allgemeinen Bedingungen langer Wellen weiterhin gegeben sind: eine Kultur, in der eine instrumentelle Vernunft vorherrscht; Menschen mit ausgeprägtem Macht- und Gewinnstreben; Pionierpersönlichkeiten in Wissenschaft und Technik ebenso wie in Wirtschaft und Politik und – nicht zuletzt – ein ungebrochener Strom wissenschaftlich-technischer Entwicklungen, die zum gegebenen Zeitpunkt wirtschaftlich ausgeschlachtet werden können (…) Diese neuen Technologien sind untereinander vielfach gekoppelt und durchdringen gleichzeitig die alten (…) Der elektronische Komplex verkörpert das neue industrielle Schlüsselprojekt (…) Die treibenden und die tragenden Kräfte für den Aufschwung einer langen Welle sind also gegeben (…)“ (Huber 1985, 67 ff.).

Es ist eine ziemlich krude Aufzählung von • Faktoren“, die da als Theorie des langfristigen Aufschwungs verkauft wird: aus dem Zusammen-spiel von • instrumenteller Vernunft“ (was in der kritischen Theorie Horkheimers und Adornos noch ein Begriff der Kritik war, figuriert hier bereits als positive Bedingung), von macht- und gewinngeilen • Pionierpersönlichkeiten“ (Motive, die in Mandevil-lescher Manier geradezu als vorbildlich erscheinen) und • neuen Technologien“ soll schlechthin ein neues • Akkumulationsmodell“ entstehen; dieser Zusammenhang wird einfach axiomatisch vorausgesetzt, um ihn nicht mehr konkret begründen zu müssen. Die analytisch unverarbeitete bloße Erfahrung des fordistischen Booms für eine globale Minderheit erscheint dabei als allgemeines, für alle Zukunft hochgerechnetes • Modell“. Dies blauäugige • Orientierung auf eine neuerliche lange Welle“ (Huber, a.a.O., 71) wurde in den 80er Jahren zur stillschweigenden Übereinkunft von liberalen, konservativen, sozialistischen und grün-alternativen Theoretikern.

Der Drang, grundsätzlich Entwarnung zu geben, bevor die Krise überhaupt richtig in Gang gekommen war, verband sich dabei – ebenfalls quer durch alle Lager – mit dem stereotypen Hinweis, es müsse noch an den notwendigen • Rahmenbedingungen“ gebastelt werden. Das Interesse verschob sich also von der Analyse des eigentlichen kapitalistischen Wachstums und seiner inneren Bedingungen auf den äußeren Rahmen, auf die • politische Gestaltung“ und die institutionellen Voraussetzungen – ahnungsvoll sagte Günther Anders in seinem Essay über die • Antiquiertheit der Arbeit“: • (…) ich mißtraue dem Wort <gestalten>, es gehört auf die schwarze Liste, die Liste der proskribierten Wörter“ (Anders, a.a.O., 98). Von den hoffnungsvollen Propagandisten der • politischen Gestaltung“ wurde unterstellt, dass ähnlich wie bei der zweiten industriellen Revolution in den 20er Jahren zwar bereits die innerkapitalistischen Voraussetzungen für einen neuen Boom auf der Ebene von Technologie und Rationalisierung geschaffen worden seien, aber noch die staatlich-institutionellen Veränderungen nachfolgen müßten. Diese Interpretation der Krise folgte gewissermaßen schon dem Dahrendorfschen Imperativ, denn das Problem der • Rahmenbedingungen“ entpuppte sich ziemlich schnell als das der • Anpassung“ an die neuen kapitalistischen Verhältnisse – und • Anpassung“ heißt natürlich wieder einmal bedingungslose soziale Unterwerfung.

Aber obwohl seit Dahrendorfs Einlassung von Anfang der 80er Jahre die Reallöhne und Sozialleistungen in der ganzen Welt und auch in den kapitalistischen Kernländern tatsächlich stetig gesunken sind, hat sich die strukturelle Massenarbeitslosigkeit vorangefressen wie ein Flächenbrand, während die Wachstumsraten niedrig blieben oder in vielen Ländern ganz abstürzten. Heute, Ende der 90er Jahre, ist von einem neuen säkularen Boom weit und breit immer noch nichts zu sehen. Das Warten auf den • langfristigen Aufschwung“ der dritten industriellen Revolution hat sich als Warten auf Godot herausgestellt. Während mit jedem Schub der mikroelektronischen Rationalisierung weitere Segmente der Arbeits-märkte wegbrechen, haben sich die kapitalistischen Institutionen auf eine hinhaltende Krisen-verwaltung eingestellt, die zum Dauerzustand zu werden droht.

Längst versunken und vergessen sind die freizeit-optimistischen Vorhersagen eines Fourastié, ganz zu schweigen von jenen • therapeutischen“ fünfzehn Wochenstunden, wie sie Keynes bei einer entsprechenden Produktivkraftsteigerung vorschwebten. Zwar versuchten die Gewerkschaften noch in den 80er Jahren, die • Krise der Arbeit“ innerkapitalistisch durch eine Verkürzung der tariflichen Arbeitszeit auf unter 40 Wochenstunden (maximal bis 35 Stunden) zu lösen. Aber diese Rechnung des gesunden Menschenverstandes konnte nicht aufgehen; sie brach sich, wie vorherzusehen war, an der gesellschaftlich irrationalen betriebswirtschaftlichen Rationalität. Soweit in wenigen kapitalistischen Kernländern (und auch dort nur in wenigen Branchen) tatsächlich weitere Arbeitszeitverkür-zungen ausgehandelt werden konnten, sind diese im Laufe der 90er Jahre längst schon in der Praxis unterlaufen und völlig ausgehöhlt worden: teils durch (zunehmend sogar unbezahlte!) Überstunden, teils durch Ausstieg aus den tarifgebundenen Verbänden, teils durch offenen Vertragsbruch. In der überwältigenden Mehrheit aller Länder und Branchen gab es als Reaktion auf die Krise nicht einmal nominelle Arbeitszeitverkürzungen, sondern die Aufspaltung in zunehmende Arbeitshetze und sogar Verlängerung der Arbeitszeit einerseits, Massenarbeitslosigkeit und zunehmende Armut andererseits. Inzwischen ist das Modell der Arbeitszeitverkürzung bei den Gewerkschaften selbst der entwickeltsten Länder in der Versenkung verschwunden – ein Anzeichen der bedingungslosen Kapitulation und Selbstaufgabe. • Das Zeitalter der allgemeinen Arbeitszeitverkürzung geht zu Ende“ (Süddeutsche Zeitung v. 2.7.1997) – ausgerechnet in einer Zeit der Automatisierung und der Massenarbeitslosigkeit.

Die bürgerliche Öffentlichkeit ebenso wie die Regierungen und Staatsapparate weigern sich gegen jede Evidenz, die • Krise der Arbeitsgesell-schaft“ in ihrer wahren, systemsprengenden Dimension wahrzunehmen. Zwar ist vom neuen säkularen Langzeitaufschwung schon längst keine Rede mehr. Aber an die Stelle der großen Hoffnung ist nicht das Eingeständnis getreten, dass der Kapitalismus unter den Bedingungen der mikroelektronischen Revolution unfähig zur Reproduk-tion der Gesellschaft wird, sondern lediglich ein • business as usual“ im Umgang mit der sich voranfressenden Krise. Dabei haben sich zwei komplementäre Vorgehensweisen herausgebildet. Während die Öffentlichkeit der Medien, der Publizistik und des akademischen Wissenschafts-betriebs garantiert harmlose • Lösungskonzepte“ diskutiert oder auch nur noch inszeniert, die gänzlich folgenlos bleiben, gehen die herrschenden Institutionen mit immer härteren sozialen Restriktionen gegen das • überflüssige“ Menschen-material vor.

Das Aushecken von Konzepten für den Windmüh-lenkampf gegen die • Beschäftigungsmisere“ ist fast schon zum Sport für sogenannte • Querdenker“, auf jeden Fall aber zum einträglichen Geschäftszweig geworden. Vom Job-Sharing über die Teilzeitarbeit bis zur • Aufwertung“ kommunaler • Bürgerarbeit“ reicht die Flut von Milchmädchenrechnungen, die allesamt eines gemeinsam haben: sie gehen am Kern des Problems vorbei, weil sie axiomatisch voraussetzen, dass eine denkmögliche Lösung mit der • Marktwirtschaft“ und ihren Systemgesetzen vereinbar sein muß. Nur die Symptome dürfen zur Sprache kommen, nicht die Ursachen. Deshalb erfaßt diese Scheindebatte auch nur Randbereiche und nicht verallgemeinerbare Sonderformen der • Beschäftigung“, während das gesellschaftliche Zentrum, der Herrschaftsblock der • abstrakten Arbeit“, völlig ausgeblendet bleibt. Diese Art von • Lösungsangeboten“, wie sie unverdrossen auf den Markt geworfen werden, ist inzwischen derart durchsichtig in ihrer mangelhaften Analyse, derart billig und in sich widersprüchlich geworden, dass selbst ein Kind sie als haltlos durchschauen kann. Soweit überhaupt ein Gehalt festzustellen ist, handelt es sich um jene Reparatur der • Rahmenbedin-gungen“, die allemal auf Billiglohn und soziale Restriktionen hinausläuft. Der Lärm dieses sonderbaren Diskurses übertönt die Maßnahmen der kapitalistischen Arbeitsverwal-tung, deren vornehmstes Ziel seit langem darin besteht, die Massenarbeits-losigkeit möglichst geräusch- und reibungslos • unsichtbar“ zu machen:

• In vielen entwickelten Industrieländern, deren Regierungen sich vor nicht allzu langer Zeit noch dem Ziel der Vollbeschäftigung verschrieben hatten, sind bereits die offiziellen Arbeitslosenzahlen in sozialer Hinsicht beunruhigend (…) Die wirkliche Zahl der Arbeitslosen liegt wahrscheinlich noch wesentlich höher, als die offiziellen Zahlen vermuten lassen. Die Zahl der Arbeitslosen ist ein heikles politisches Thema, und so werden in den offiziellen Statistiken nur diejenigen aufgeführt, die der offiziellen Definition entsprechen. In Deutschland beispielsweise wurde diese Definition wiederholt revidiert, so dass sich inzwischen hinter anderen Kategorien wie z.B. den Empfängern von Sozialhilfe eine beträchtliche Anzahl tatsächlich Arbeitsloser verbergen. In mehreren entwickelten Industriestaaten, darunter auch Deutschland, werden nur diejenigen als arbeitslos bezeichnet, die eine Stelle suchen, und auch die Arbeitslosenunterstützung wird nur für eine bestimmte Frist gezahlt. Unter solchen Voraussetzungen gibt eine unbekannte Zahl von Arbeitsuchenden nach wiederholten Fehlschlägen die Suche auf und begnügt sich mit der Sozialhilfe (…)“ (Kidron/Segal 1996, 142).

Im Grunde genommen werden die Arbeitslosen-statistiken fast überall aus Gründen der politischen Optik regelrecht gefälscht. Einerseits erscheinen große Massen von Arbeitslosen nicht mehr in der Statistik, weil ihr realer Status wegretuschiert worden ist; nicht nur durch die Verschiebung in die Sozialhilfe, sondern auch durch staatliche oder staatlich geförderte • Beschäftigungsgesellschaf-ten“, • Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ (ABM) und sogenannte Umschulungen sowie vorzeitigen Ruhestand. Viele Frauen, sowohl Ehefrauen und Familienmütter als auch • Alleinerziehende“, werden indirekt • zurück an den Herd“ genötigt und fallen oft ganz aus der Erfassung heraus. Andererseits erscheint umgekehrt eine stets wachsende Zahl von Lohnarbeitern in der Statistik der • Beschäftigten“, die in Wirklichkeit nur Saison- oder Teilzeitjobs haben oder sogar nur stundenweise  angeheuert werden.

In den USA gilt es als ein • Arbeitsplatz“, wenn jemand für buchstäblich eine Handvoll Dollars auch nur ein oder zwei Stunden wöchentlich der Kundschaft im Supermarkt die Tüten aufhalten darf. Noch krasser verfälscht wird die Statistik der Arbeitsplätze und Beschäftigungsverhältnisse dadurch, dass die Senkung der Reallöhne in vielen Industriestaaten immer mehr Lohnarbeiter zwingt, neben ihrer regulären Arbeit ein zweites oder sogar ein drittes Beschäftigungsverhältnis einzugehen. In New York etwa ist es mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr, dass ein Maschinenarbeiter nach Feierabend sein Nachtmahl hinunterschlingt, um anschließend noch mehrere Stunden als Wächter tätig zu sein und am Wochenende zu kellnern – ganz ohne Lohn, allein für die Trinkgelder. Nur durch eine derart ruinöse Lebensweise kann die Fassade der Normalität (Krankenversicherung, Wohnung, Auto) aufrecht erhalten werden. Es gehört schon einige Dreistigkeit dazu, solche Verhältnisse, die sich längst auch in Europa auszubreiten beginnen, als • Jobwunder“ zu bezeichnen. So gibt die Arbeitslosenstatistik heute grundsätzlich ein verfälschtes und beschönigendes Bild der realen Lage. Trotzdem läßt sich sogar durch den Schleier der offiziellen Zahlen hindurch die explosive Ausdehnung der strukturellen Massenarbeitslo-sigkeit wenigstens ahnen, wenn man die Entwicklung vom ersten großen Schub zwischen 1980 und 1985 bis in die späteren 90er Jahre weiterverfolgt:

Arbeitslose (in Millionen)

1980    1985    1990    1995

BRD             0,889   2,304   1,883    3,210

Frankreich      1,467   2,442   2,205    2,980

England                  1,513   3,179   1,556    2,454

USA             7,637   8,312   7,047   7,404

Japan           1,140   1,560   1,350    2,098

Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch für das Ausland, 1998

Diese Angaben und ihre Veränderungen spiegeln durchweg weniger ein Verhältnis von Krise und relativer Erholung wieder als vielmehr die Grenzen der bürokratischen Verschleierungskünste: Nach jedem Heruntermanipulieren der Arbeitslosenzah-len (besonders zwischen 1985 und 1990 und besonders in den angelsächsischen Ländern) werden diese durch die weitergehende mikroelektronische Rationalisierung wieder nach oben gedrückt. Absolut ist ein langfristiger Anstieg der Sockelarbeitslosigkeit festzustellen. In der BRD, wo die Vier-Millionen-Grenze inzwischen offiziell überschritten wurde, sind schätzungsweise in Wahrheit bereits bis zu sieben Millionen Menschen arbeitslos. In den USA und England muß die offizielle Zahl wohl nicht bloß verdoppelt, sondern verdreifacht oder sogar vervierfacht werden. Der US-Ökonom Lester C.Thurow macht eine ganz andere Rechnung als die offizielle auf:

• Die amerikanische Arbeitslosigkeit ähnelt einem Eisberg – der größte Teil liegt unsichtbar unter Wasser. Eine Arbeitslosenquote von etwas über fünf Prozent entspricht mehr als sieben Millionen Arbeitslosen (…) Aber neben diesen über sieben Millionen amtlichen Arbeitslosen würden sich noch weitere sechs Millionen Menschen als arbeitslos bezeichnen, wenn sie danach gefragt würden. Sie gelten jedoch offiziell nicht als arbeitslos, weil sie die eine oder andere Voraussetzung nicht erfüllen – dass sie sich beispielsweise in der Woche zuvor aktiv um Arbeit bemüht haben müssen. Weiterhin gibt es 4,5 Millionen Teilzeitarbeitskräfte, die aber gerne ganztägig arbeiten würden (…) Acht Millionen amerikanische Arbeiter arbeiten bloß vorübergehend. Zwei Millionen weitere arbeiten nur, wenn ihr Arbeitgeber sie abruft (…) Von diesen Millionen gilt niemand als arbeitslos (…) Aus der Statistik sind außerdem fast sechs Millionen Männer zwischen 25 und 60 Jahren verschwunden (!). Nach den Volkszählungen gibt es sie, aber in den Arbeitsplatzstatistiken tauchen sie nicht auf. Sie arbeiten nicht, sie sind nicht arbeitslos, sie sind weder Schüler noch im Gefängnis. Wie sie ihren Unterhalt verdienen (durch illegale Handlungen?), weiß niemand (…)“ (Thurow 1996).

In Großbritannien wurde die Zählweise der Arbeitslosen seit 1979 nicht weniger als dreißigmal geändert – mit der regelmäßigen Folge, dass das Arbeitslosenheer auf dem Papier schrumpfte (Lütge 1997). Und in Japan wären nach den gegenwärtigen (selber schon manipulierten) statistischen Kriterien der europäischen Länder 10 bis 15 Prozent der Erwerbstätigen arbeitslos. Wie irreführend diese Quotierung sein kann, zeigt auch die Situation in Spanien, dem Land mit der höchsten Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union (mit einem langjährigen Durchschnitt von 20 bis 25 Prozent), wo gegenwärtig (1999) ein • Jobwunder“ ausgerufen wird, weil die Quote nun je nach Erhebungsmethode auf 18 oder gar 10,8 Prozent zurückgegangen sein soll. Von trauriger Gestalt ist auch das vielgelobte holländische • Jobwunder“:

• Zu geradezu erschreckenden Ergebnissen kommen jene Arbeitsmarktforscher, die versuchen, die sogenannte versteckte Arbeitslosigkeit aufzuspüren. Erst jüngst sorgte eine Studie der Unterneh-mensberatung McKinsey für Diskussionen. Diesmal gerieten die Niederlande ins schiefe Licht. Statt der offiziellen 6,3 Prozent, die von einem enormen Fortschritt bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit künden, seien dort zwanzig Prozent auf Jobsuche, so McKinsey. Die Forscher zählten all diejenigen mit, die offiziell keine Arbeit suchen, gleichwohl arbeiten wollen und können. Und dazu gehören auch jene, die in der Vergangenheit im großen Stil für erwerbsunfähig erklärt wurden und nun als invalide (!) gelten“ (Lütge 1997).

Tatsache ist, dass überall die regulären industriellen Arbeitsplätze abschmelzen wie Schnee in der Sonne. Allein in der BRD sank laut statistischem Bundesamt die Zahl der Lohnarbeiter im • produzierenden Gewerbe“ zwischen 1991 und 1997 um rund drei Millionen, nachdem schon die ganzen 80er Jahre hindurch der Abbau von Arbeitsplätzen in diesem Kernbereich rapide fortgeschritten war. Rechnet man das Handwerk ab, so müßte die Reduktion im eigentlichen industriellen Sektor noch weitaus drastischer ausgefallen sein. Alles in allem läßt sich sagen, dass die Rate der Arbeitslosigkeit in den kapitalistischen Industrieländern, die laut Dahrendorf Anfang der 80er Jahre auf 10 Prozent geklettert war, sich Ende der 90er Jahre real (das heißt unter Bereinigung sämtlicher Manipulationen und statistischen • Auslagerungen“ in andere Kategorien) auf etwa 20 Prozent verdoppelt haben dürfte, während sie offiziell in den meisten Fällen nur auf Größenordnungen zwischen 10 und 15 Prozent gestiegen ist.

In der BRD ist die besonders drastische Zunahme der absoluten Zahlen auch auf die Einverleibung der zusammengebrochenen DDR zurückzuführen, die in mehreren ostdeutschen Städten und Regionen zu Arbeitslosenraten von 30 Prozent und mehr geführt hat. Gewöhnlich wird dies als externer Sonderfaktor gewertet, der aus der Erblast des Staatssozialismus stamme. Abgesehen davon, dass auch in der alten BRD für sich genommen die Massenarbeitslosigkeit unaufhaltsam zugenommen hat, ist diese Schutzbehauptung noch aus einem andern Grund haltlos. Denn die staatskapitalistischen Regimes waren ja kein Gegensystem, das eine kategorial andere, postkapitalistische Gesellschaft jenseits der • abstrakten Arbeit“ dargestellt hätte, sondern eben nur Varianten • nachholender Modernisierung“ an der kapitalistischen Peripherie – im Falle der DDR eine Art historische Fehlgeburt, weil hier (als Quittung für die von Deutschland ausgehende Entfesselung des Zweiten Weltkriegs) das abgetrennte Teilgebiet eines bereits kapitalistisch entwickelten Landes gegen den Strich der Geschichte einem Regime der Peripherie unterworfen wurde. Wenn man weiß, dass es sich nur um verschiedene Entwicklungs-stufen und gewissermaßen • Aggregatzustände“ ein und desselben warenproduzierenden Weltsystems handelt, dann gehört der Zusammenbruch des Staatskapitalismus zur Krisengeschichte der dritten industriellen Revolution selbst und ist kein externer Faktor einer • fremden“ Erblast; ablesbar schon allein daran, dass die • Öffnung“ für die fortgeschrittene westlich-konkurrenzkapitalistische Variante die Krise im Osten nur verschärft statt gemildert hat.

Die Einverleibung der ehemaligen DDR in die BRD stellt nur insofern eine Besonderheit dar, als auf diese Weise gegenläufig zum bisherigen globalen Krisenverlauf ein nationalökonomisches Opfer der dritten industriellen Revolution aus der Peripherie direkt in den ökonomischen Binnenraum eines kapitalistischen Kernlandes integriert wurde. Durch diesen beispiellosen Vorgang hat sich die BRD als Erbschaft der deutschen Geschichte gerechterweise mit der viel weiter fortgeschrittenen Krise in den peripheren Ländern infiziert. Denn der Untergang der DDR war ja Bestandteil eines Prozesses, in dem seit Beginn der 80er Jahre nicht nur das gesamte System der um die • Sowjetökonomie“ gruppierten nachholenden Industrialisierung in den Abgrund gerissen wurde, sondern auch große Teile der ehemaligen Dritten Welt in Asien, Lateinamerika und vor allem Afrika in einem weitaus schlimmeren Ausmaß als die westlichen • Herren des Weltmarkts“ von den Folgen der mikroelektronischen Rationalisierung überrollt wurden (mit Spätfolgen auch in den kurzzeitigen Boomländern Südostasiens).

Es stellte sich nämlich sukzessive heraus, dass nahezu alle Länder der kapitalistischen Peripherie, und das heißt die überwältigende Mehrzahl der Menschheit, die Kapitalkosten der dritten industriellen Revolution nicht mehr tragen konnten – oder nur noch um den Preis, dann in die Falle der hoffnungslosen Außenverschuldung hineinzulaufen. Die Wirkung der mikroelektronischen Revolution ist hier keine direkte, sondern eine indirekte, über den Markt vermittelte. Was sich in den kapitalistischen Zentren auf der Ebene von Unternehmen abspielt, betrifft in der Peripherie ganze Nationalökonomien: sie werden durch den Ansturm der mikroelektronisch aufgerüsteten Konkurrenz ruiniert.

Die strukturelle Massenarbeitslosigkeit ist also einerseits eine unmittelbar technologische, durch das mikroelektronische • Wegrationalisieren“ von Arbeitskraft verursachte – dieses Moment tritt vor allem in den kapitalistischen Zentren in Erscheinung, die das Problem teilweise über die Konkurrenz auf dem Weltmarkt • exportieren“ können. Eben deswegen ist die neue Massenarbeits-losigkeit andererseits eine über den Weltmarkt vermittelte – nämlich durch den Ruin der Industrien, von denen die mikroelektronischen Aggregate eben gerade nicht oder nur in äußerst bescheidenem Maße angewendet werden können. Dieser Fall ist die Regel in den Ländern der Peripherie, für die trotz ständiger Verbilligung die Steuerungs- und Automatisierungs-Technologie immer noch viel zu teuer ist und sogar relativ immer teurer wird, da die Preise ihrer eigenen, nicht mit dem neuen Produktivitäts-Standard hergestellten Exportwaren stärker verfallen, als die Importe aus den Kernländern durch die mikroelektronische Produktivkraftentwicklung billiger werden. Sie unterliegen also seit den 80er Jahren einem ökonomischen Teufelskreis, dem sie nur noch durch die extreme Auspowerung ihrer Arbeitskräfte begegnen können: Die Krise der dritten industriellen Revolution in den Kernländern schreitet voran, aber in den schon von Haus aus armen Ländern der kapitalistischen Peripherie wächst sie relativ noch schneller und führt zu periodischen Zusammenbrüchen der gesamten Volkswirtschaft.

Dementsprechend höher ist auch die strukturelle Massenarbeitslosigkeit dort, sind die Statistiken noch weniger aussagekräftig als im Westen. Denn hier treten Faktoren hinzu, die in den entwickelten kapitalistischen Ländern einstweilen noch unbekannt oder erst in geringerem Maße wirksam sind. So ist das Phänomen der • Unterbeschäftigten“, also jener Menschen, die keinen regulären Arbeitsplatz haben, nur sporadisch auf Stunden- oder Tagelöhner-Basis ein wenig Geld verdienen und eigentlich arbeitslos sind, in der gesamten Dritten Welt noch viel weiter verbreitet als selbst in den USA und längst zum Normalzustand der großen Mehrheit geworden. Wer überhaupt noch in der Arbeitslosenstatistik erscheint, gehört bereits zu einer privilegierten Minderheit. Insofern ist es schlicht grotesk, wenn ein Land wie Brasilien für 1997 eine Arbeitslosigkeit von lediglich 5,71 Prozent und Mexiko für 1998 gar von nur 3,6 Prozent meldet. In solchen Ländern und anderen, die überhaupt keine Arbeitslosenstatistik mehr führen, gehört ein Großteil der Menschen zu den • Ausgeschlossenen“, Fremden im eigenen Land:

• Für viele arme Länder liegen keine Zahlen vor, oder sie gelten nur für einen verhältnismäßig kleinen Bereich der Wirtschaft, für die Städte oder auch nur für die Hauptstadt“ (Kidron/Segal 1997, 142).

Wo es weniger manipulierte Zahlen oder Schätzungen unabhängiger Organisationen gibt, liegt die Höhe der Arbeitslosigkeit in einem Bereich, der nur noch als völliger Systemzusam-menbruch bezeichnet werden kann; so beträgt sie in Afghanistan 90 Prozent, in Mosambik 50 Prozent, in Jordanien 40 Prozent, in Algerien und im Libanon 35 Prozent usw. (Quellen: Kidron/Segal 1997, Fischer Weltalmanach 1999). Für China, das 1997 offiziell eine Arbeitslosigkeit von 4 Prozent auswies, haben unabhängige Schätzungen eine reale Quote von 30 Prozent ergeben. Eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) in Genf mußte Mitte der 90er Jahre feststellen:

• Im Zuge der größten Arbeitsmarktkrise seit der Depression in den 30er Jahren waren Anfang 1994 weltweit 820 Millionen Menschen oder 30 Prozent der gesamten Arbeitnehmerschaft ohne Beschäftigung“ (zit. nach Handelsblatt v. 7.3.1994).

Darin sind allerdings auch die kapitalistischen Kernländer enthalten, so dass diese 30 Prozent Arbeitslosigkeit das Weltverhältnis wiedergeben – nach den immer noch vorsichtigen Schätzungen der IAO. 1999 gelten weltweit bereits mindestens eine Milliarde Menschen als arbeitslos (Handelsblatt vom 15.3.1999). Allein in Südostasien wurden nach Angaben der IAO im Lauf der Krise von 1997/98 dauerhaft 24 Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Hinzu kommt in großen Teilen der Welt, besonders in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, in China, Kuba, Ex-Jugoslawien usw., das Phänomen der • Geisterindustrien“. Dabei handelt es sich in der Regel um offiziell noch nicht abgewickelte Staatsindustrien der ehemaligen • nachholenden Industrialisierung“, die nominell noch viele Millionen Menschen • beschäftigen“, während sie in Wahrheit ökonomisch • Tote auf Urlaub“ sind. Diese Industrien produzieren nur noch teilweise, zahlen Löhne nur noch sporadisch oder überhaupt nicht mehr, falls sie ihre • Beschäftigten“ nicht in Naturalien entlohnen:

• Die wachsende Zahlungsunfähigkeit privater wie staatlicher Einrichtungen in Rußland hat bereits zu Gehalts- und Pensionsrückständen sowie Schulden gegenüber Lieferanten in Höhe von 26 Milliarden Mark geführt. Immer mehr Betriebe sind gezwungen, Werktätige und Pensionäre in Naturalien zu entlohnen – Geschirrhersteller zahlen mit Töpfen, Konfektfabriken mit einigen Kilo Schokolade, Verlage mit Bücherstapeln. Unternehmen in Kursk geben inzwischen Getreide und lebende Ferkel als Rente aus. Manche Belegschaften organisieren den Straßenverkauf des Lohnersatzes zur Bargeldbeschaffung – oft weit vom Produktionsort entfernt. Bislang wenig Erfolg hat das Wolgograder Unternehmen Arminia, das seinen Mitarbeitern den Monatslohn (etwa 42 Mark) seit drei Jahren in Form von durchschnittlich acht Büstenhaltern erstattet. Die nicht sonderlich marktgängigen Kreationen werden auch als materielle Beihilfen im Geburts- oder Sterbefall gereicht (…)“ (Der Spiegel 8/1997).

Natürlich können das nur Übergangsphänomene bis zur völligen Stillegung der Fabriken sein. Es läßt sich nicht länger leugnen, dass ein großer Teil der Weltbevölkerung bereits außerhalb des Kapitalis-mus lebt, damit aber auch außerhalb der offiziellen Gesellschaft – und also nur noch vegetiert. Milliarden von Menschen wurden in eine erbärmliche Subsistenzwirtschaft auf Familienbasis zurückgeworfen und von den kapitalistisch verwalteten modernen Produktivkräften weitgehend abgeschnitten.

Als Gesamtresultat läßt sich feststellen, dass die dritte industrielle Revolution in knapp zwei Jahrzehnten die größte Weltkrise seit 1929 heraufbeschworen hat. In die kapitalistischen Zentren kehrte die endgültig überwunden geglaubte Massenarbeitslosigkeit zurück und in der Peripherie ist zusammen mit der • abstrakten Arbeit“ auch die Geldwirtschaft in vielen Ländern bereits zusammengebrochen. Dabei ist das Automatisie-rungs- und Rationalisierungspotential der Mikroelektronik noch lange nicht ausgeschöpft. Das • Wegrationalisieren“ der menschlichen Arbeitskraft aus dem kapitalistischen Produktions-prozeß, das seit Ende der 70er Jahre eingesetzt hat, wird auch im kommenden Jahrzehnt weitergehen. Dieser Prozeß vollzieht sich in Schüben, immer nur zeitweilig unterbrochen durch das Herunterdrücken der Preise von Arbeitskraft oder technologische Schnittstellenprobleme. Einerseits geht die Automatisierung mit jeder neuen Generation von Mikrochips und Software-Entwicklungen weiter und hat sich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre wieder beschleunigt:

• Die Automatisierung hat in den letzten Jahren wieder deutlich an Bedeutung für die produzierenden Unternehmen gewonnen (…) So werden in der Montage verstärkt kleine kostengünstige Tischroboter eingesetzt, mit denen einfachere Aufgaben gut automatisiert werden können (…) Unterstützt wird der Automatisierungstrend auch durch die gesunkenen Preise der Komponenten. Beispielsweise sind Industrieroboter in den letzten Jahren um bis zu 40 Prozent kostengünstiger geworden und bieten dabei einen verbesserten Leistungsumfang von Steuerungstechnik, Sensorik und Bedienerschnittstellen gegenüber den älteren Modellen. Das Anwendungsfeld der Industrieroboter wird größer, die Robotertechnik dringt zunehmend in Bereiche vor, die bislang kaum im Mittelpunkt von Automatisierungsbemühungen standen, wie in der Möbel- oder Bauindustrie oder sogar der Medizintechnik (…)“ (Neugebauer 1999).

Zum anderen verstärkt sich auch die organisatorische Rationalisierung mit Hilfe der Mikroelektronik und neuer Softwareprogramme. Dabei werden in großem Umfang Tätigkeiten und ganze Unterneh-mens-Ebenen von der Produktionsplanung bis zum Marketing nicht als solche automatisiert, sondern durch neue, elektronisch integrierte Organisations-formen schlicht überflüssig gemacht. Und als Folge dieser weitergehenden Automatisierungs- und Rationalisierungs-Schübe wird natürlich auch das indirekte, über den Weltmarkt vermittelte Wegbrechen der Arbeitsmärkte in der Peripherie weiter zunehmen. Die Ruinierung ganzer Volks-wirtschaften wird sich nicht verlangsamen, sondern beschleunigen und in ihren Auswirkungen verschärfen.

Obwohl es die offiziellen Institutionen des Kapitalismus natürlich immer noch ableugnen, wird der Horizont einer neuen Systemkrise sichtbar, die alle bisherigen Tranformations-Katastrophen seit Beginn der Industrialisierung in den Schatten zu stellen verspricht. Unabweisbar stellt sich also die Frage nach der besonderen Qualität der dritten industriellen Revolution im Verhältnis zu den beiden ersten. Diese besteht, wie sich mit immer größerer Deutlichkeit zeigt, in einer gewissermaßen finalen Mobilisierung des kapitalistischen Selbst-widerspruchs. Die in der ersten und zweiten industriellen Revolution nach schweren Transforma-tionskrisen einsetzende kompensatorische Bewe-gung bleibt trotz aller Beschwörungen aus.

Zwar ist auch diesmal eine sukzessive Verbilligung der neuen mikroelektronischen Basis-Technologie und ihrer Produkte festzustellen. Rechnerkapazitä-ten, für die vor wenigen Jahrzehnten noch die Kapitalkraft großer Unternehmen oder staatlicher Institutionen nötig waren, bekommen die Kinder heute in Gestalt von Spielgeräten aller Art zu Weihnachten geschenkt. Der Personalcomputer, noch zu Beginn der 80er Jahre ein relativ teures Produktionsmittel, ist längst in den Massenkonsum eingegangen. Aber ein Akkumulations- und • Beschäftigungs“-Effekt analog zum Fordismus bleibt aus. Der Grund ist ganz einfach der, dass die Mikroelektronik insgesamt weitaus mehr • abstrakte Arbeit“ überflüssig macht, als durch die Verbilligung ihrer Produkte und die damit einhergehende Ausdehnung der Märkte neu entstehen kann. Das liegt vor allem daran, dass die mikroelektronische Kapazität der Rationalisierung viel größer ist als diejenige der fordistischen Fließfertigung und dass sie universell eingesetzt werden kann: sie rationalisiert schon im vorhinein ihre eigene Produktion.

Das Verhältnis von Produkt- und Prozeß-Innovation hat sich umgekehrt – die neuen, zusätzlich in den Massenkonsum eingehenden Produkte werden von den Potentialen der • Wegrationalisierung“ überholt. Damit kommt das immer schon prekäre industrielle Schneeballsystem irreversibel zum Stehen. Die erste industrielle Revolution hatte vor allem die unabhängigen handwerklichen Produzenten ruiniert und massenhaft • arbeitslos“ gemacht, um sie erst allmählich auf niedrigstem Lebensniveau in das Fabriksystem zu integrieren. Die zweite industrielle Revolution hatte zunächst in der Weltwirtschaftskrise erstmals zu einem großen Einbruch auf dem Boden des industriellen Kapitals selber geführt, um in der Nachkriegsgeschichte mit keynesianischer Flankierung den Vollkapitalismus durchzusetzen. In der dritten industriellen Revolution entläßt der Kapitalismus seine Kinder. Das Weltsystem einer auf sich selbst rückgekoppelten Verwandlung menschlicher Energie in Geld hat sich endgültig selber ad absurdum geführt. Die tiefe Irrationalität dieser Produktionsweise wird handgreiflich und völlig unhaltbar – ironischerweise in demselben Maße, wie sie als alternativlos erklärt wird und gleichzeitig für immer das Schicksal der Menschheit bestimmen soll.

Aus: Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus, Frankfurt 1999 – Das Buch ist in einer billigen Taschenbuchausgabe im Ullstein – Verlag erhältlich. 900 Seiten, 12,95 Euro.

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