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Die Vernunft der Betriebswirtschaft

von Robert Kurz

Bevor das kapitalistische Monstrum geboren wurde, hatte es zwar auch schon Märkte für die relativ geringe handwerkliche Produktion gegeben: Ebenso wie die zahlenmäßig weitaus überwiegende Bauernschaft waren die Handwerker in ihrer Produktionsweise auf Familienbasis organisiert, d.h. es gab keine sehr weitgehende gesellschaftliche Kooperation der Tätigkeiten. Der niedrige Grad der Vernetzung in der Produktion machte es daher erforderlich, die Lücken in der Vergesellschaftung durch Tausch und damit durch Märkte zu überbrücken. Aber diese Märkte waren nicht nur großenteils lokal und regional begrenzt (schon wegen der Schwerfälligkeit der Transportmittel), sondern auch ohne jeden Konkurrenzmechanismus. Deshalb sind sie mit der kapitalistischen Marktwirtschaft überhaupt nicht zu vergleichen.

Warum fehlte die Konkurrenz? Das lag ganz einfach daran, daß diese Märkte sich nicht als System verselbständigt hatten. Die Handwerker produzierten zwar getrennt voneinander und jeder für sich, die Vergesellschaftung konnte also erst über den Markt als Austausch der fertigen Produkte stattfinden; aber dieser Austausch war weder anonym noch folgte er blinden Mechanismen. Denn die Austauschenden kannten einander sehr wohl und besaßen auch eine Meta-Kommunikation untereinander, die in besonderen Körperschaften (Zünften, Räten etc.) organisiert war. Diese Körperschaften <planten> gewissermaßen das Marktvolumen. Bedarf und Produktion wurden bewußt gegeneinander abgewogen. Das bedeutete, daß die Zahl der Produzenten strikt begrenzt bleiben mußte, bezogen auf eine bestimmte  Population und ein bestimmtes Bedürfnisniveau. Nur entsprechend dem Bevölkerungswachstum konnten zusätzliche Produzenten für die jeweiligen Produktionszweige zugelassen werden. So sollte ein ständiges Gleichgewicht von wechselseitiger Produktion und Konsumtion gewährleistet bleiben, was ein entsprechendes Gleichgewicht der wechselseitigen Kaufkraft einschloß. In einem solchen System (das nur am Rande einer riesigen agrarischen Naturalwirtschaft existierte) gab es keinerlei Platz für Konkurrenz.

Diese strenge Regulation bezog sich notwendigerweise auch auf die Produktionsmethoden. Denn in der Getrenntheit der tatsächlichen Produktion lauerte immer schon die abstrakte Möglichkeit der Konkurrenz, des Versuchs also, durch verbesserte Produktionsmittel auf Kosten der Kollegen einen größeren Marktanteil zu erkämpfen. Es galt jedoch als ehrlos, auf diese Weise anderen das Brot wegzunehmen. Um diesem moralischen Konsens Nachdruck zu verleihen, hatten die meisten Zünfte ein striktes Verbot erlassen, die Instrumente (Werkzeuge) und Methoden der Produktion durch technische Innovationen zu verändern. So heißt es z.B. in der Zunftordnung der Stadt Thorn: • Niemand soll etwas Neues verdenken oder erfinden oder gebrauchen, sondern jeder soll aus bürgerlicher oder brüderlicher Liebe seinem Nächsten folgen • . Auf diese Weise konnte es keinerlei ökonomisches Kalkül der einzelnen Produktionseinheit geben, also auch nicht das, was heute • Betriebswirtschaft • genannt wird. Stattdessen gab es nur einen traditionell kodifizierten, technischen Ablauf, eine Art Rezeptsammlung für die Bearbeitung der Rohstoffe, vermischt mit moralischen Lehren über die sozialen Beziehungen in der Produktion (zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Meistern und Gesellen bzw. Lehrlingen, Herr und Gesinde). Die Zunftgremien, Ratsversammlungen etc. hatten über dieses sozialökonomische Gefüge zu wachen, Streitigkeiten zu schlichten und allenfalls kleine kontrollierte Veränderungen vorzunehmen.

Dieses System, das vom Feudalismus strukturell weitgehend in Ruhe gelassen, allerdings durch Abgaben ökonomisch angezapft wurde, war in sich keineswegs irrational und destruktiv, insofern es auf ein soziales Gleichgewicht und ein (allerdings beschränktes) • Auskommen • aller Gesellschaftsmitglieder orientiert war. Aber es war auch borniert, blutsverwandtschaftlich verblödet, kleinlich, und statisch bis zur Versteinerung. Zerstört wurde es jedoch nicht von innen, durch eine emanzipatorische Bewegung seiner eigenen Mitglieder über ihren beschränkten Horizont hinaus, sondern durch eine ungeheure Repression von außen, nämlich durch die Zumutungen der absolutistischen Staatsapparate und später des liberalen freien Unternehmertums. Indem die Installation großräumiger anonymer Märkte und die damit verbundene Verselbständigung des Geldes die vorher moralisch strengstens verpönte Konkurrenz entfesselte, wurde gleichzeitig die • Betriebswirtschaft • geboren, d.h. das partikulare ökonomische Kalkül der einzelnen Produktionseinheit gegen alle anderen und ohne Institutionen einer regulierenen Meta-Kommunikation. Der moderne Staat mit seinen Apparaten war nämlich keine Erweiterung und Verbesserung der alten Zunftgremien und Ratsversammlungen, sondern im Gegenteil als Ausgeburt des Absolutismus die äußere und fremde Macht, welche die autonome Kommunikation der Produzenten untereinander zerstörte, um sie den Gesetzen eines abstrakten, verselbständigten Systems zu unterwerfen.

Es ist von entscheidender Bedeutung, sich in diesem Kontext die historische Alternative klarzumachen, die im Einsatz von arbeitssparenden Maschinen grundsätzlich liegt. Auf Dauer ist es unmöglich, die menschliche Phantasie und Aktivität an Erfindungen zu hindern. Aber dies muß nicht notwendig in die totale Konkurrenz führen. Die Wirkung der Arbeitsersparnis kann ja auf einem gegebenen Niveau der Produktion auch wörtlich genomen werden: nämlich als wunderbare Möglichkeit, schlicht weniger zu arbeiten, mehr Zeit für Muße zu haben.

Die  ängstliche Bornierung der familialen Produktionseinheiten und der Zünfte hätte also auch aufgebrochen werden können durch einen bewußten Konsens über die Entwicklung der Produktivkräfte, in dem das Verhältnis von Erweiterung der Produktion und der Bedürfnisse einerseits, der Verkürzung der Arbeits- und der Vermehrung der Mußezeit andererseits ständig neu diskutiert und gemeinschaftlich festgelegt wird. Das hätte natürlich erfordert, den Dualismus von Marktbeziehungen und Räte-Kommunikation der getrennten Produzenten durch eine kommunikativ geplante und zusammenwachsende Produktion aufzuheben, und somit statt die Marktvolumina die nunmehr direkt gesellschaftliche Produktion selber durch Beschlüsse festzulegen. Denn allein auf diese Weise wäre es möglich, die aus der Produktivkraftentwicklung resultierende Steigerung der Produktion mit einem Weniger an Arbeitszeit für alle auszutarieren.

Daß es Möglichkeiten gab, technische Innovationen in diesem Sinne durch gemeinschaftliche Absprache ins Werk zu setzen, ist belegt. Im sogenannten Mittelalter ist durchaus eine technische Entwicklung festzustellen, die durch eine autonome emanzipatorische Bewegung der Produzenten hätte forciert werden können. Tatsächlich waren die mittelalterlichen Sozialorganisationen und selbst die Zünfte nicht generell gegen Erfindungen eingestellt; so gab es durchaus auch in dieser Zeit arbeitssparende Innovationen wie etwa die Wassermühle oder die Hebemaschinen im Bergbau. Es galt nur das Prinzip, daß durch Neuerungen nicht die • Nahrung • von anderen Mitgliedern der Gesellschaft vernichtet werden dürfe. Grundsätzlich wäre es also möglich gewesen, die Produktivkräfte in diesem Sinne kontrolliert und gemeinschaftlich zu entwickeln.

Aber bevor diese Möglichkeit in Erwägung gezogen und ausprobiert werden konnte, drängte sich die vom Absolutismus entfesselte Konkurrenz der betriebswirtschaftlichen Einheiten im Zusammenhang großräumiger anonymer Märkte gewaltsam auf. Die englischen Grundeigentümer der • gentry • und die privaten Pächter hatten ebensowenig etwas mit den alten Kommunikationssystemen der Produzenten zu tun wie die Agrokapitalisten der Sklavenhalter-Latifundien, die Verwalter der staatlichen Manufakturen oder die kapitalistischen Verleger in der Textilproduktion und die ersten • freien • Unternehmer des beginnenden Industriesystem. Für sie alle stellte sich die Frage des Maschineneinsatzes ganz anders dar, nämlich eben vom Standpunkt der partikularen betriebwirtschaftlichen Vernunft eines konkurrierenden Unternehmens für anonyme Märkte.

Aus dieser Sicht aber ist es ganz unvernünftig, ja geradezu verrückt, die Potenz der Maschinen zur Arbeitsersparnis ausgerechnet für eine größere Muße der Produzenten einzusetzen. Der Produktivitätsgewinn muß vielmehr restlos für die Konkurrenz verausgabt werden, um zusätzliche Marktanteile zu gewinnen bzw. bestehende zu halten. Wo keine Kommunikation zwischen den Produzenten selber stattfindet und das Verhältnis von Produktion und Konsumtion nicht bewußt diskursiv geregelt wird, gibt es nur ein Gesetz: das der betriebswirtschaftlich bornierten • Kostensenkung • um jeden Preis, damit • Konkurrenzfähigkeit • hergestellt wird. Da alle anonymen Marktteilnehmer ständig unter diesem Zwang stehen, findet auch eine ständige Produktivkraftentwicklung statt, aber völlig kommunikationslos und daher mit paradoxen Wirkungen.

Die gesellschaftliche Paradoxie dieser kapitalistischen Produktivkraftentwicklung läßt sich auf mehreren Ebenen erkennen. Statt die notwendige Arbeitszeit für alle zu verkürzen, verlangt die • Vernunft • der Betriebswirtschaft, daß die einen gänzlich • arbeitslos • und von allen Subsistenzmitteln abgeschnitten werden, während für die anderen, vermeintlich Glücklicheren, die ihre • Arbeitsplätze • behalten, sich umgekehrt die Arbeitszeit sogar verlängern und die Arbeitsintensität erhöhen kann. Denn auf diese Weise potenziert sich der Konkurrenzvorteil. Bei erhöhter Produktivität mit weniger Arbeitskräften diese gleichzeitig mehr und länger arbeiten zu lassen, bedeutet eine zusätzliche Verbesserung des betriebswirtschaftlichen Verhältnisses von Kapitalaufwand (ausgelegt für Produktionsmittel und Arbeitskräfte) einerseits und Produktausstoß bzw. dafür erzielbarem Gelderlös andererseits. Und einzig und allein auf dieses abstrakte, in Geld ausgedrückte Input-Output-Verhältnis kommt es dem betriebswirtschaftlichen Kalkül an.

Aber nicht nur das soziale Resultat dieses Kalküls ist paradox und enttarnt die Vernunft der Betriebswirtschaft als gesellschaftlichen Irrsinn. Die kapitalistische Produtktionsweise gerät dadurch auch in einen unlösbaren logischen Selbstwiderspruch. Denn auf der einen Seite ist es ihr absurder Selbstzweck, die Akkumulation • abstrakter Arbeit • in eine Akkumulation von ökonomischem • Wert • zu verwandeln, dargestellt als pulsierendes Wachstum des Geldkapitals um seiner selbst willen. Auf der anderen Seite aber ersetzt dieselbe irre Vernunft mit zunehmender Produktivkraftentwicklung menschliche Arbeit fortlaufend duch technisch-wissenschaftliche Agenzien und höhlt so die Substanz der • Wert-schöpfung • selbst aus. Wenn immer weniger Arbeiter eine immer größere Masse an Produkten herstellen, dann läßt sich dieser Vorgang von einem bestimmten Punkt ab nicht mehr als • Wertschöpfung • und Wachstum des Geldes darstellen. Auf den Märkten muß dieser Widersinn schließlich als krasses Mißverhältnis von wachsenden Produktmassen und schrumpfender Kaufkraft in Erscheinung treten.

Die • unsichtbare Hand • der subjekt- und damit kommunikationslosen Kapital- bzw. Marktmaschine, die Kant und Smith zum irdischen Gott erhoben hatten, kann also letzten Endes gar nicht zur allgemeinen Wohlfahrt führen, sondern nur in einen fundamentalen Selbstwiderspruch und damit in die gesellschaftliche Krise des verselbständigten Marktsystems. Diese innere Krisenpotenz des Kapitalismus steht außer allem Zweifel. Sie ist die Quittung dafür, daß die menschliche Kommunikation in gesellschaftlichen Institutionen durch eine paradoxe Kommunikation der Waren und ihrer Preise untereinander auf dem anonymen Markt ersetzt worden ist. Produzenten und Konsumenten, Käufer und Verkäufer sind nicht mehr identisch durch die Vermittlung einer gemeinsamen gesellschaftlichen Kommunikation, sondern sie fallen auseinander: sogar in den Individuen selber, die in ihrer Eigenschaft als Konsumenten ein gegensätzliches Ineresse entwickeln zu sich selbst in ihrer Eigenschaft als Produzenten (so hat z.B. nach dem Anschluß die ehemalige DDR-Bevölkerung durch den bevorzugten Konsum westlicher Waren zur Zerstörung ihrer eigenen Produktionsgrundlage beigetragen). Der stumme Preismechanismus ersetzt die bewußte Selbstverständigung der menschlichen Akteure. Und der daraus entstandene blinde, nicht ansprechbare und nicht verhandelbare Systemprozeß führt mit logischer Konsequenz immer wieder in dasselbe Dilemma, weil er immer nur dasselbe eingebaute Programm abspulen kann. Wie eine Maschine eben.

So erklärt sich das klaffende historische Mißverhältnis des Kapitalismus zwischen einer Steigerung der menschlichen Potenzen einerseits und der Erzeugung immer neuer Armuts- und Krisenpotentiale andererseits aus der gesellschaftlich irrationalen Vernunft des betriebswirtschaftlichen Kalküls. Das Irre an dieser Vernunft besteht darin, daß sie den gesellschaftlichen Charakter der Produktivkraftentwicklung systematisch negiert und in sein Gegenteil verkehrt. Die Entwicklung der Maschinenkräfte führte also nicht, wie es notwendig und sinnvoll gewesen wäre, zu einer vorgeordneten Kommunikation der alten handwerklichen Produzenten über die gemeinschaftliche Kontolle der vernetzten Produktion selber, sondern bewirkte im Gegenteil, daß auch noch die nachgeordnete Kommunikation ersatzlos gestrichen wurde.

Die Steigerung der technisch-wissenschaftlichen Potenzen muß auf diese Weise im allgemeinen Verdrängungskampf der Konkurrenzen verschleudert werden, während die Menschen durch die blinde Gesamtresultante ihres eigenen beschränkten, ökonomisch ungesellschaftlichen Ego-Kalküls sich gegenseitig in eine groteske Selbstschädigung treiben. Und da diese destruktive Logik untrennbar zum Wesen des Kapitalismus gehört, ist sie auch bis heute gültig geblieben und entfaltet weiterhin ihre Wirkungen. Alle nachträglichen sozial- und wirtschaftspolitischen Regulationsversuche müssen letztlich immer wieder dem gleichsam osmotischen inneren Druck der verrückten betriebswirtschaftlichen Rationalität unterliegen.

Aus: Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus, Frankfurt 1999 – Das Buch ist in einer billigen Taschenbuchausgabe im Ullstein – Verlag erhältlich. 900 Seiten, 12,95 Euro

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