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Der Mythos der Produktivität

von Robert Kurz

Technologische Entwicklung, Rationalisierung und Arbeitslosigkeit

Es gibt eine naive und dennoch vernünftige Auffassung über die Produktivität: wenn sie gesteigert wird, so denkt der gesunde Menschenverstand, dann müsste sich eigentlich das menschliche Leben erleichtern. Höhere Produktivität erlaubt es, mehr Güter mit weniger Arbeit herzustellen. Ist das nicht wunderbar? In unserer Zeit sieht es jedoch so aus, als erzeuge die Steigerung der Produktivität zusammen mit einer anschwellenden Masse von Gütern auch eine Lawine von Arbeitslosigkeit und Elend. Seit dem Ende der 70er Jahre haben sich die Soziologen daran gewöhnt, von einer technologischen oder „strukturellen“ Massenarbeitslosigkeit zu sprechen. Das bedeutet, dass die Arbeitslosigkeit sich unabhängig von der konjunkturellen Bewegung der Wirtschaft entwickelt und sogar im Boom ansteigt. In den 80er und 90er Jahren ist in fast allen Ländern der Sockel dieser strukturellen Arbeitslosigkeit von Zyklus zu Zyklus immer grösser geworden; nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf waren 1995 bereits 30 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung im globalen Massstab ohne einen festen Arbeitsplatz.

Diese harte Tatsache ist nicht nur unvereinbar mit dem gesunden Menschenverstand, sie hat auch eine merkwürdige Reaktion der Ökonomen hervorgerufen. Die Wirtschaftswissenschaftler tun so, als lasse sich das irrationale Phänomen der Massenarbeitslosigkeit überhaupt nicht aus den Gesetzen der modernen Ökonomie erklären; es soll vielmehr ausserökonomische Ursachen haben, vor allem eine falsche Wirtschaftspolitik der Regierungen. Gleichzeitig behaupten die Ökonomen, dass durch die Steigerung der Produktivität die Zahl der Arbeitsplätze nicht vermindert, sondern im Gegenteil vermehrt werde. Dies habe die Geschichte der Modernisierung bewiesen. Was für den unbefangenen Beobachter wie die Ursache der Krankheit aussieht, soll also das Rezept für die Heilung sein. Die Ökonomen operieren mit einer Gleichung, die nicht aufzugehen scheint. Wo steckt der Fehler?

Ein Axiom der ökonomischen Theorie besagt, das Ziel der Produktion sei es, den Bedarf der Bevölkerung an Gütern zu decken. Das ist eigentlich eine Banalität. Nun weiss aber jeder, dass es das Ziel der modernen Produktion ist, einen betriebswirtschaftlichen Gewinn zu erzeugen. Der Verkauf der produzierten Güter soll mehr Geld einbringen, als ihre Produktion gekostet hat. Was haben diese beiden Ziele miteinander zu tun? Die Ökonomen sagen, das zweite Ziel sei nur ein Mittel, und zwar das beste, um das erste Ziel zu erreichen. Dennoch sind die beiden Ziele offenbar nicht identisch; das erste Ziel ist ein gesamtwirtschaftliches und das zweite ein betriebswirtschaftliches. Daraus ergeben sich Widersprüche, die das moderne ökonomische System von Anfang an instabil gemacht haben.

Der scheinbar so naheliegende Gedanke, dass eine Steigerung der Produktivität das Leben erleichtern müsse, rechnet nicht mit der speziellen betriebswirtschaftlichen Rationalität. Es kommt nämlich darauf an, wofür die erhöhte Produktivkraft eingesetzt wird. Produzieren Menschen für den eigenen Bedarf, dann werden sie verbesserte Mittel und Methoden schlicht dafür benutzen, weniger zu arbeiten und die gewonnene Zeit auf angenehme Weise zu verbringen. Ein Produzent von Waren für den Markt könnte jedoch auf die Idee kommen, genausoviel zu arbeiten wie bisher und die zusätzliche Produktivität für die Herstellung einer grösseren Menge von Waren zu verwenden, um mehr Geld zu verdienen statt mehr Musse zu geniessen. Ein betriebswirtschaftlicher Manager aber muss sogar auf diese Idee kommen, weil er gar nichts davon hätte, dass seine Lohnarbeiter mehr freie Zeit gewinnen. Er wird also die zusätzliche Produktivität auf jeden Fall als Vorteil in der Konkurrenz und daher für die Senkung der Betriebskosten nutzen statt für die Bequemlichkeit der Produzenten. Deswegen ist in der modernen ökonomischen Geschichte die Arbeitszeit immer viel weniger gesunken, als die Produktivität gestiegen ist. Noch heute arbeiten die meisten Lohnarbeiter mehr und länger als die Bauern des Mittelalters. Die Senkung der Kosten bedeutet also nicht, dass die Arbeiter bei gleichbleibender Produktion weniger arbeiten, sondern dass weniger Arbeiter mehr Produkte herstellen. Die erhöhte Produktivität verteilt ihre Früchte extrem ungleich: die „überflüssigen“ Arbeiter werden arbeitslos, während sich die Gewinne der Unternehmen erhöhen.

Wenn das alle Betriebe so machen, droht aber gesamtwirtschaftlich ein Effekt, mit dem das bornierte betriebswirtschaftliche Interesse nicht rechnet: Durch steigende Arbeitslosigkeit sinkt die gesellschaftliche Kaufkraft. Wer soll dann die wachsende Masse der Produkte noch kaufen? Schon die Zünfte der mittelalterlichen Handwerker hatten eine Ahnung von dieser Gefahr. Für sie war es eine Sünde und ein Verbrechen, den Kollegen durch eine Steigerung der Produktivität Konkurrenz zu machen und sie womöglich in den Ruin zu treiben. Deshalb waren die Produktionsmethoden streng festgelegt und niemand durfte sie ohne Zustimmung der Zunft verändern. Es war weniger technische Unfähigkeit als vielmehr diese statische soziale Organisation des Handwerks, die eine technologische Entwicklung verhinderte. Die Handwerker produzierten nicht für einen Markt im heutigen Sinne, sondern für einen fixierten, regional beschränkten Markt ohne Konkurrenz. Diese Ordnung der Produktion dauerte länger, als man gewöhnlich annimmt. In grossen Teilen Deutschlands war der Einsatz von Maschinen noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts polizeilich verboten.

Bekanntlich fiel dieses Verbot zuerst in England. Damit wurde der Weg frei für technische Erfindungen wie den mechanischen Webstuhl und die Dampfmaschine, die zur Industrialisierung führten. Und prompt trat die befürchtete soziale Katastrophe ein: in ganz Europa herrschte um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die erste technologische Massenarbeitslosigkeit. Freilich betraf diese Katastrophe nur einen bestimmten Sektor, nämlich die Textilproduktion. Deshalb waren es überall die Spinner und Weber, die sich in verzweifelten Aufständen erhoben und versuchten, die neuen Maschinen zu zerstören, um ihre Arbeitsplätze und die soziale Organisation ihrer handwerklichen Lebensweise zu retten.

Das ist alles Vergangenheit, sagen die Ökonomen: Hat die weitere Entwicklung nicht bewiesen, dass die Befürchtungen grundlos waren? Tatsächlich ging trotz der weiteren Ausdehnung der neuen industriellen Produktivkräfte die ursprüngliche technologische Massenarbeitslosigkeit rasch zurück. Was war der Grund dafür? Durch die gegenseitige Konkurrenz gezwungen, mussten die Industriellen einen Teil des Produktivitätsgewinns an die Konsumenten weitergeben. Die Maschinen machten also die Produkte für die Käufer wesentlich billiger. Viele Menschen, die früher lange Jahre ihre alten Kleider abtragen mussten, konnten sich plötzlich mehrmals im Jahr neue Kleider leisten. Der Markt erweiterte sich auf diese Weise sprunghaft. Zwar wurde für die Produktion einer bestimmten Menge Textilien weniger Arbeitskraft als bisher benötigt, aber die Nachfrage nach den billigen Stoffen und Kleidern stieg so stark an, dass auf längere Sicht nicht weniger, sondern sogar mehr Arbeiter in den neuen Textilindustrien gebraucht wurden. Damit ist das Problem freilich nicht grundsätzlich gelöst. Denn irgendwann muss jeder Markt seine Sättigungsgrenzen erreichen und kann keine neuen Käuferschichten mehr erschliessen. Nur in einer bestimmten Phase der Entwicklung führt die erhöhte Produktivität dazu, dass trotz des geringeren Arbeitsaufwands pro Produkt insgesamt mehr Arbeitsplätze entstehen: dann nämlich, wenn durch die verbesserten Methoden das ursprünglich relativ teure Produkt verbilligt wird und in den grossen Massenkonsum übergehen kann. Ist dieses Stadium noch nicht erreicht, dann stürzt die gesteigerte Produktivität die bisherige Produktionsweise in die Krise, wie das Beispiel der Textilhandwerker im 18. und frühen 19. Jahrhundert zeigt.

Am anderen Ende der Entwicklung droht ebenfalls wieder die Krise (nun auf dem Boden der industrialisierten Produktion selbst), wenn das expansive Stadium überschritten wird und die zusätzlichen Märkte gesättigt sind. Aber dieselbe Expansion kann ja immer wieder in anderen Branchen durchgespielt werden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde ein Sektor des alten Handwerks nach dem anderen industrialisiert. Immer mehr Produkte verbilligten sich und liessen die Märkte geradezu explodieren. Dieser Prozess beschleunigte sich derart, dass die überflüssig werdenden Handwerker meistens sofort Arbeit in der Industrie fanden und die grosse soziale Krise der alten Textilproduzenten sich nicht wiederholte. Nicht nur alltägliche Gegenstände konnten nun von den ärmeren Schichten in grossem Umfang gekauft werden; auch Luxusprodukte, die früher den „oberen Zehntausend“ vorbehalten waren, gingen zunehmend in den Massenkonsum ein. Sogar Karl Marx nannte diese allgemeine Verbilligung der industriell hergestellten Waren eine „zivilisatorische Leistung“ des Kapitalismus. Krisen, wenn es sie überhaupt noch geben sollte, schienen auf diese Weise immer nur schmerzhafte Übergänge zu neuen Schüben der Prosperität zu sein.

Was geschieht aber, wenn alle Zweige der Produktion industrialisiert sind und alle die Sättigungsgrenze in der Expansion ihrer Märkte erreicht haben? Die ökonomische Entwicklung schien auch diese Befürchtung zu widerlegen. Denn die Industrie saugte nicht nur die alten handwerklichen Produktionszweige auf, sondern sie brachte auch selber völlig neue Produktionszweige hervor, schuf nie dagewesene Produkte und die dazugehörigen Bedürfnisse. Der Prozess von Steigerung der Produktivität, Expansion, Sättigung der Märkte, Kreation neuer Bedürfnisse und neuer Expansion schien also niemals an eine absolute Grenze zu stossen. Ökonomen wie Joseph Schumpeter und Nikolai Kondratieff machten aus diesem Gedanken die Theorie der sogenannten „langen Wellen“ in der zyklischen Entwicklung der modernen Ökonomie. Dieser Theorie zufolge erreicht zwar immer wieder eine bestimmte Kombination von Industrien ihre historische Sättigungsgrenze, wird alt und beginnt nach einer Phase der stürmischen Expansion zu schrumpfen. Aber innovative Unternehmer bringen als „schöpferische Zerstörer“ (Schumpeter) neue Produkte, Methoden und Industrien hervor, die das Kapital aus den alten, stagnierenden Industrien befreien und ihm eine Wiedergeburt in einem neuen technologischen Körper bescheren.

Das Paradebeispiel für diese Geburt eines neuen grossen Zyklus ist die Automobilindustrie. Schon 1886 hatte der deutsche Ingenieur Carl Benz das erste Auto gebaut; aber bis zum 1. Weltkrieg war dieser „Kraftwagen“ ein extrem teures Luxusprodukt für einige reiche Playboys, ungefähr wie heute ein Privatflugzeug. Wie aus dem Lehrbuch der Theorie von Schumpeter erschien nun als innovativer Unternehmer Henry Ford. Seine Kreation war nicht das Auto selber, das er ja bereits vorfand, sondern eine neue Methode der Produktion. Im 19. Jahrhundert war die Produktivität vor allem dadurch gestiegen, dass handwerkliche Produktionszweige durch den Einsatz von Maschinen industrialisiert wurden. Der Organisation innerhalb der Industrie selber schenkte man noch keine grosse Beachtung. Erst nach 1900 entwickelte der US-Ingenieur Frederick Taylor ein System der „wissenschaftlichen Betriebsführung“, um die einzelnen Arbeitsvorgänge zu zergliedern und die Leistung zu erhöhen. Henry Ford entdeckte mit Hilfe dieses Systems neue Reserven der Produktivität in der Organisation des Produktionsprozesses. Er stellte z.B. fest, dass ein Arbeiter, der Karrosserieteile zusammenschraubte, im Durchschnitt viel Zeit verlor, weil er sich immer wieder neue Schrauben holen musste. Also liess er die Schrauben in ausreichender Zahl direkt an den Arbeitsplatz bringen. Der Arbeitsprozess wurde „flüssig“ gemacht und bald das Fliessband eingeführt; eine Methode, die Ford aus den Schlachthöfen von Chicago übernahm.

Die Resultate waren frappierend. Lag die Produktionskapazität einer durchschnittlichen Automobilfabrik bis zum 1. Weltkrieg bei ca. 10.000 Autos pro Jahr, so stellte Ford in seiner neuen Fabrik Highland Park in Detroit im Geschäftsjahr 1914 die phantastische Menge von 248.000 Autos seines berühmten „Modell T“ her. Die neuen Methoden waren eine zweite industrielle Revolution. Zwar kam diese „fordistische“ Revolution zu spät, um die Weltwirtschaftskrise (1929-33) verhindern zu können, die durch die Folgekosten des 1. Weltkriegs und den Niedergang des Welthandels ausgelöst wurde. Aber nach 1945 kam die „lange Welle“ der industriellen Massenproduktion von Automobilen, Haushaltsgeräten, Unterhaltungselektronik usw. Ganz nach dem alten Muster, nur in viel grösseren Dimensionen, schuf die Steigerung der Produktivität riesige Massen neuer Arbeitsplätze, weil die Ausdehnung der Märkte für Autos, Kühlschränke, Fernseher usw. absolut mehr Arbeit notwendig machte, als durch die „fordistischen“ Methoden relativ pro Produkt eingespart wurde.

Schon in den 70er Jahren erreichten die fordistischen Industrien ihre historische Sättigungsgrenze. Seitdem erleben wir die dritte industrielle Revolution der Mikroelektronik. Sofort erinnerte man sich hoffnungsvoll an Schumpeter. Tatsächlich durchliefen die neuen Produkte einen ähnlichen Prozess der Verbilligung wie vorher Autos und Kühlschränke: der Computer verwandelte sich rasch aus einem teuren Gerät für grosse Unternehmen in ein Produkt des Massenkonsums. Aber diesmal blieb der Boom bei den Arbeitsplätzen aus. Denn zum ersten Mal in der Geschichte der Modernisierung wird durch eine neue Technologie absolut mehr Arbeit eingespart, als durch die Ausdehnung der Märkte für die neuen Produkte zusätzlich benötigt wird. In der dritten industriellen Revolution ist die Kapazität der Rationalisierung grösser als die Kapazität der Expansion. Der frühere Effekt einer Arbeit schaffenden expansiven Phase bleibt aus. Die technologische Massenarbeitslosigkeit aus der Frühgeschichte der Industrialisierung kehrt zurück, aber nicht mehr auf einen Produktionszweig beschränkt, sondern flächendeckend in allen Industrien und auf dem gesamten Planeten.

Damit führt sich das betriebswirtschaftliche Interesse selber ad absurdum. Es wäre Zeit, nach 200 Jahren Modernisierung die Steigerung der Produktivität endlich dafür zu nutzen, dass alle weniger arbeiten und gut leben. Aber dafür ist das System der Marktwirtschaft nicht gemacht. Es kann die zusätzliche Produktivität immer nur in zusätzliche Produktion einerseits und in Arbeitslosigkeit andererseits verwandeln. Die Ökonomen wollen nicht begreifen, dass die dritte industrielle Revolution eine neue Qualität hat, in der die Theorie von Schumpeter nicht mehr gültig ist. So warten sie noch immer vergeblich auf die „lange Welle“ der Mikrolektronik. Sie warten auf Godot.

Über den Autor

Robert Kurz, geboren 1943, studierte Philosophie, Geschichte und Pädagogik. Er arbeitet heute als freier Publizist, Autor und Journalist. Robert Kurz ist Mitbegründer und Redakteur der Theoriezeitschrift “Krisis – Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft”. Seine Arbeitsgebiete umfassen die Modernisierungs- und Krisentheorie, die kritische Analyse des kapitalistischen Weltsystems, die Kritik der Aufklärung und das Verhältnis von Kultur und Ökonomie. Er veröffentlicht regelmäßig Aufsätze in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Buchveröffentlichungen u.a.:

Der Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie (1991).

Honeckers Rache. Zur politischen Ökonomie der deutschen Vereinigung (1991).

Der letzte macht das Licht aus. Zur Krise von Demokratie und Marktwirtschaft (1993).

Die Schmerzgrenze der Marktwirtschaft (1997).

Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft (1999).

Feierabend. – elf Attacken gegen die Arbeit (2000).

Marx lesen im 21. Jahrhundert (2000)

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