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Studie zur Arbeitslosigkeit von Dieter Bellmann
Das ChérisyProjekt der Neuen Arbeit als
Modellfall des Dritten Sektors
I. Zum Stand auf dem Arbeitslosenmarkt: So kann es nicht weitergehen
1993 hatten die dem Diakonischen Werk Baden verbundenen Beschäftigungsprojekte
ihre Tätigkeitsfelder und Leitlinien das erste Mal in dieser Schriftenreihe
vorgestellt. Seither hat sich am gesellschaftlichen Zentralproblem Arbeitslosigkeit
und an den immer schon unzureichenden Bedingungen, unter denen wir Beschäftigungsinitiativen
etwas zu seiner Lösung beizutragen versuchen, nichts zum Positiven
verändert. Ich erspare mir den üblichen Vorspann statistischer
Daten zur Situation, jeder kennt sie zur Genüge. Lediglich zwei für
das Folgende wesentliche qualitative Veränderungen möchte ich
ins Bild setzen:
Unter der kräftig gewachsen Zahl der Arbeitslosen ist der
Anteil der Langzeitarbeitslosen erwartungsgemäß überproportional
gestiegen, das heißt, der Anteil derjenigen arbeitslosen Menschen,
die auf Dauer zwischen Sozialhilfebezug, kurzfristigen Beschäftigungsmaßnahmen,
Umschulungen und erneuter Arbeitslosigkeit vagabundieren werden. Immer
häufiger verzeichnen wir unter ihnen nicht mehr nur die klassischen
Arbeitsmarktverlierer ohne abgeschlossene Schul oder Berufsausbildung,
sondern auch qualifizierte und hochqualifizierte Kräfte.
Allmählich wird auch der selbstbewußtere Mittelstand
von der Lage bedroht, die Sensibilität für die Dimensionen der
Massenarbeitslosigkeit steigt. Nachdem regelmäßig das Gegenteil
der politischen Ankündigungen und Arbeitsmarktprognosen eingetreten
ist, ahnt jeder, daß wir es mit einem ständig wachsenden Sockel
von Langzeitarbeitslosigkeit zu tun haben, dem auch keine wieder anspringende
Konjunktur Abhilfe schaffen wird.
Inzwischen werden auch weitere negative Konsequenzen in der breiteren
Bevölkerung spürbar. Die Unterhaltslasten der Arbeitslosigkeit
verlagern sich mit wachsender Tendenz auf die Gemeinden und Kreise, dorthin,
wo das öffentliche Leben hautnah gestaltet wird. Einige Gemeinden
bewegen sich am Rande der Zwangsverwaltung, alle sehen sich zu hartem
Sparkurs gezwungen und erleben einen massiven Einbruch an Spielraum für
die Erfüllung und Gestaltung notwendiger und wünschenswerter
öffentlicher Aufgaben.
Kommunalpolitik wird zur Mangelverwaltung, die Qualität des
öffentlichen Lebens, Dienstleistung, Sport, Kultur usw., schwindet.
Wer darüber nachdenkt, dem fällt besonders die groteske Parallelität
des Geschehens auf: Einerseits kaum mehr tragbare unproduktive Kosten
für die Pflege brachliegender Arbeitskraft, andererseits haufenweise
gesellschaftlich sinnvolle Arbeit und öffentliche Aufgaben, die nicht
mehr bezahlt und erfüllt werden können. Anders ausgedrückt:
Es fehlt an Geld, um sinnvolle und notwendige öffentliche Aufgaben
zu erfüllen, weil es benötigt wird, um Menschen von der Arbeit
fern zu halten und sozial abzusichern. Dieser negative Sozialtransfer
läßt jedoch den Schluß auf naheliegende Lösungskonzepte
noch nicht zu. Der Blick bleibt vorerst noch ideologisch getrübt.
Ursache hierfür ist die unerschüttert vorherrschende
Vorstellung, daß im Grunde nur die Wirtschaft die erforderliche
Lösungskompetenz für das gesellschaftliche Kernproblem Arbeitslosigkeit
besäße: Nur die Wirtschaft kann betriebswirtschaftlich
rentable und damit dauerhafte Arbeitsplätze schaffen, so äußerte
sich etwa kürzlich Staatssekretär Mehrländer auf dem Pro
ArbeitSymposium in Stuttgart. Solche Formeln werden auch durch die
enorme Arbeitsfreisetzungsleistung ebenderselben Wirtschaft nicht in Frage
gestellt. Alle strategischen Lösungsansätze der Politik setzen
auf den Motor Wirtschaft, den es nur weiterhin gehörig
zu schmieren gelte.
Welcher Stellenwert uns Beschäftigungsbetrieben dabei weiterhin
zugebilligt wird, beschrieb auf demselben Stuttgarter ProArbeitForum
die Staatssekretärin Lichy so: Die Arbeit in öffentlich
geförderten Beschäftigungsprojekten muß der Arbeit in
Beschäftigungsverhältnissen des allgemeinen Arbeitsmarktes nachgeordnet
sein, um dort Beeinträchtigungen und ordnungspolitische Bedenken
zu vermeiden. Zugleich sollen die Beschäftigungsprojekte freilich
so praxisbezogen und marktnah wie möglich gestaltet sein, damit
die Heranführung an den ersten Arbeitsmarkt unter realen Bedingungen
erfolgt.
Die offiziöse Haltung tut so, als handele es sich bei der
Beschäftigung brachliegender Arbeitskraft um künstlich gestützte
und damit wirtschaftsfremde Pseudoarbeit, die nur ausnahmsweise
geduldet und gegebenenfalls widerrufen werden kann. Die Tatsache, daß
bundesweit jährlich 370 Mrd DM in die Subvention der Wirtschaft fliessen,
dagegen nurmehr 7 Mrd in die Beschäftigungsförderung, tut dieser
marktwirtschaftlichen Lebenslüge keinen Abbruch.
Wer, wie wir, der Meinung ist, daß Sozialarbeit nicht nur
von Problemen leben, sondern ganz wesentlich zu ihrer Lösung beitragen
sollte, den kann das nicht zufriedenstellen. Die Neue Arbeit Konstanz
erprobt und praktiziert seit 17 Jahren die Beschäftigung und Berufsqualifizierung
von Langzeitarbeitslosen mit Erfolg in Kernbereichen von Wirtschaft, öffentlicher
Versorgung und Dienstleistung. An Hand unserer Erfahrungen und Arbeitsergebnisse
möchten wir die öffentliche Debatte zum Umgang mit dem Thema
Arbeitslosigkeit mit ein paar abweichenden Vorstellungen und
Leitideen in Schwung bringen.
II. Einige Gegenvorstellungen zur wirtschaftsfixierten
Doktrin
1) Wir gehen davon aus, daß die Wirtschaft ich denke
hierbei vor allem an die mittelständische von sich aus keinen
Anlaß hat, mehr zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen,
als es ihre rein betriebswirtschaftlichen Denkgewohnheiten zulassen. Da
bleibt, zumal unter Bedingungen scharfen Wettbewerbs, einbrechender Märkte
und zunehmender Firmenpleiten wenig Raum für Wirtschaftsethik.
Eine historisch gewachsene, durch Dachverbände und Interessenvertretungen
geprägte Unternehmerkultur kennt und pflegt von sich
aus nur eine Logik: Zuerst Entlastung der Wirtschaft, dann Aufschwung
und automatische Vollbeschäftigung. Gegenüber durchaus vorstellbaren
Alternativen ist sie daher resistent und erst recht selbst nicht in der
Lage, sozialpolitische Innovativen hervorzubringen. Die Wirtschaft braucht
Impulse und Anreize von aussen.
2) Von der Politik ist diesbezüglich ebenfalls wenig zu erwarten,
weil sie sich, von Minderheitspositionen abgesehen, aus ihrer neoliberalen
Fixierung nicht lösen wird. Strategische Konzepte, wie sie aktuell
vorgeschlagen werden (Steuerreform, Umbau des Sozialsystems, steuerfinanzierte
Soziallasten, Kombilöhne), mögen durchaus tauglich sein, die
Chancen für zusätzliche Arbeitsplätze im ersten Arbeitsmarkt
zu verbessern. An ihrer Um oder Durchsetzung ist jedoch bei allem, was
wir gegenwärtig erleben, zu zweifeln. Viel zu sehr wird sie durch
die Interessenlager blockiert, die sich gegenseitig in Schach halten.
3) Während alles also weiterhin auf die neuen Konjunkturen
hofft und harrt, muß unterhalb der Schwelle strategischer Reformen
etwas geschehen. Was können die Beschäftigungsgesellschaften
zur Ausweitung und Verbesserung sinnvoller Einsatzmöglichkeiten beitragen?.
Ihr traditionelles Leitziel Wiedereingliederung ist zwar ebenfalls
auf den ersten Arbeitsmarkt orientiert. Es bleibt als primär humanitäre
Aufgabe trotzdem wichtig und sinnvoll, sorgt dafür, daß sich
die Verhältnisse nicht verfestigen, Menschen nicht in der Sackgasse
landen, schafft den einzigen Wiederzugang zu den klassischen weiterführenden
Maßnahmen, wie Umschulungen und ABM.
Wiedereingliederung kann jedoch den Kreislauf der Wirtschaftsrationalisierung
und der damit verbundenen turnusmäßigen Freisetzung von immer
mehr Arbeit nicht grundsätzlich aus der Welt schaffen. Als Leitgedanke
erlebt sie in dem Maße Sinnverluste, wie sie mit Hoffnungen auf
einen echten Abbau der Arbeitslosigkeit verbunden ist. Um mehr werden
zu können, muß die Arbeit der Beschäftigungsgesellschaften
aus der Schattenexistenz heraustreten, die ihr die politische Ideologie
zuweist.
4) Wir brauchen Ansätze einer Beschäftigungsinitiative,
die sich von der Fixierung auf Konjunkturen löst und es darauf anlegt,
dauerhafte, sozialversicherte Arbeitsplätze auch dann zu schaffen,
wenn die Wirtschaft es von sich aus nicht tut. Weil es weder unter volkswirtschaftlichen
noch humanen Gesichtspunkten eine Alternative hierzu gibt, wird dieser
Gedanke über kurz oder lang an Bedeutung gewinnen. Es mangelt ja
nicht an sinnvollen Aufgaben und notwendigen Arbeiten, die auf dem Markt
nicht befriedigt werden, an denen die Wirtschaft kein oder nur begrenztes
Interesse hat.
Denken wir nur an diejenigen öffentlichen Leistungen, die
auf Grund der kommunalen Soziallasten nicht mehr erbracht werden können.
Was gefragt ist, sind intelligente Handlungsmodelle, die öffentliche
Aufgaben und brachliegende Arbeit sinnvoll miteinander verknüpfen.
Halten wir uns nämlich die gigantischen Summen vor Augen, die bei
Fortschreibung des bestehenden negativen Sozialtransfers im schwarzen
Loch der Pflege der brachliegenden Arbeit vernichtet werden (in
Stuttgart flossen 1997 143 Mio DM in Sozialhilfe und nur 27 Mio in Hilfe
zur Arbeit): ein beträchtliches verlorenes Finanzpotential. Denken
wir noch einen Schritt weiter, dann erkennen wir darin mit einiger realistischer
Phantasie auch ein enormes Volumen an schlafenden Investitionen, an der
die Wirtschaft selbst partiziperen könnte.
Das erweiterte Leitziel, das uns vorschwebt, zielt darauf ab,
die Mobilisierung dieser Finanzpotentiale und die damit gebundene Arbeitskraft
so intelligent zu organisieren, daß sie nicht nur produktiv im Sinne
größtmöglichen gesellschaftlichen Nutzens wirken und Arbeitsplätze
schaffen, sondern gleichzeitig neue Wirtschaftsimpulse bewirken. In glatter
Umkehrung zum Dogma der Interessenverbände so die These
kann das pragmatische, phantasievolle und konzertierte Anpacken des Arbeitsproblemes
auf lokaler Ebene für die Wirtschaft, insbesondere das gesamte mittelständische
Handwerk, neue Auftragsmärkte aufbrechen.
Der Gedanke, der uns dabei vorschwebt, läuft in der Tat auf
die Renaissance einer neuen und breiter angelegten öffentlichen Beschäftigungssektors
hinaus, wie er im Kern schon in der Praxis der Beschäftigungsprojekte
angelegt ist. Es ist völlig klar, daß er auf Grund der oben
skizzierten allgemeinen Geisteslage auf keinen gesellschaftlichen Rückhalt
zählen kann, ja, fast lächerlich anmutet. Das nehmen wir gern
in Kauf, denn so sehr abwegig ist er nicht. Die Stimmen mehren sich schon,
welche die Hilflosigkeit des gegenwärtigen Geschehens erkennen und,
wenn auch noch undeutlich, in diese Richtung weisen.
In der Fachliteratur tauchen neue Begriffe wie Bürgerschaftliches
Engagement, Gemeinwesenarbeit, Drittes System
oder Dritter Sektor auf.
Auf europäischer Ebene läuft ein Pilotprojekt, das 52 Beschäftigungsprojekte
aus 13 Nationen umfasst und unter dem Titel Dritter Sektor
versucht, die öffentlichen Einsatzmöglichkeiten von Langzeitarbeitslosen
zu erfassen und auszuloten. David Coyne, Kommissionsdirektor der Abteilung
Europäischer Sozialfond beschreibt das Ziel folgendermaßen:
Das Pilotprojekt ist begrenzt und kann nur herausfinden, wie das
Dritte System arbeitet und wo seine Potentiale sind...
Das ist eine Art von Untersuchung, die es bisher noch nicht gab
und die wir den Verantwortlichen beispielsweise in der Umwelt oder
Stadtplanung nahebringen müssen. Auf diese Weise, denke ich,
wird es auch dazu kommen, daß neue Arbeitsplätze geschaffen
werden. Wir wollen herausfinden, ob das nicht eine effektivere
Art ist, auch öffentliche Aufgaben zu erledigen. Es wird der Moment
kommen, wo sich Behörden fragen müssen, [ob] das nicht eine
Methode ist, die [sie] vielleicht anwenden sollten, um benachteiligte
Menschen zu erreichen. Ist das nicht finanziell und sozial effektiver?
Frieder Otto Wolf, Europaparlamentarier der Grünen und Mitglied
des Ausschusses für Beschäftigung und Soziale Angelegenheiten,
ergänzt und plädiert für lokale Beschäftigungsbündnisse
und "Beschäftigungspools". Da denke ich, geht
es nicht mal so sehr darum, viel zusätzliches Geld reinzustopfen,
sondern es geht vor allem darum, den politischen Willen aufzubringen,
diese Experimente auch zu machen. Das ist richtig eine zukünftige
Hauptachse der gesellschaftlichen Entwicklung.
Die Sendereihe Hintergrund Wirtschaft des Deutschlandfunkes
vom 29.11.98, der diese Zitate entnommen sind, bringt das Kernziel des
Themas auf den folgenden Nenner: Im Sinne der Leitlinien des Luxemburger
Gipfels Arbeitsplätze auf lokaler Ebene und in der Wirtschaft des
Sozialsektors schaffen, im Zusammenhang mit Bedürfnissen, die auf
dem Markt nicht befriedigt werden. So könnte man überlegen,
wie notwendige öffentliche Arbeiten, für die das Geld fehlt,
trotzdem durchgeführt werden. Voraussetzung dafür wäre,
daß nicht jede Abteilung, jeder Betrieb, jede Behörde nur ihre
Einzelinteressen verteidigt, sondern daß man sich zu einer gemeinsamen
Lösung zusammenfindet, an der die lokalen Handwerksbetriebe und die
Organisationen des Dritten Systems beteiligt sind.
Szenarien dieser Art gibt es eine ganze Menge, sie beschäftigen
nicht nur die Akteure in der Sozialwirtschaft, sondern auch viele Wissenschaftler.
Die Ideallinie wäre, so formulierte das ein Sprecher
dieser Sendung, daß aus Beschäftigungsgesellschaften
Betriebe des Dritten Sektors werden, mit einer eigenständigen Philosophie,
mit einer Wirtschaftlichkeit,...die möglicherweise nie 100% der Kosten
[decken] wird, aber trotzdem den öffentlichen Aufwand so reduziert,
daß er sozial noch tragfähig ist. Aber das geht nur dann, wenn
[man] sich von der klassischen Beschäftigungsideologie verabschiedet,
nämlich Leute heiß zu machen für den Ersten Arbeitsmarkt,
wo sie nie aufgenommen werden. ....70% bis 80% werden nicht vermittelt,
[und zwar nicht deshalb], weil wir zu blöd sind, sie zu qualifizieren,
sondern weil es die Arbeitsplätze dort nicht gibt. Und insofern ist
das Konzept der Beschäftigungsförderung, was bisher tragend
war, gescheitert.
Selbst renommierte Kommunalpolitiker haben die Fährte
inzwischen gewittert.Der Stuttgarter OB Schuster denkt dabei an
haushaltsbezogene Dienstleistungen, auch die Bereiche Kultur, Recycling,
Fahrgastbetreuung,...Gemeinwesenarbeit. Langzeitarbeitslose.[sollen] damit
ein Stück Lebensqualität...ermöglichen. Schuster
denkt in die richtige Richtung, jedoch an den Ausschnitt an Beschäftigungsmöglichkeiten,
die er ordnungspolitisch für unbedenklich hält.
Die hier nur herausgegriffenen Stimmen deuten das Feld der Chancen
an, die sich da in weitaus breiteren Dimensionen auftun könnten.
Die neuen Begriffe deuten jedoch nur an, sind noch unkonkret und müssen
mit Inhalt angereichert werden, um Konturen zu gewinnen und einen öffentlichen
Diskurs auszulösen. Die Neue Arbeit Konstanz sieht ihre Mission darin,
genau hierzu einen anschaulichen Beitrag zu leisten. Ihre Vorstellungen,
die sie sich dazu macht, sind nicht frei erfunden, sondern beruhen auf
der reflektierten Erfahrungen und Ergebnisse ihrer mittlerweilen 18jährigen
Praxis als Beschäftigungsprojekt.
III. Die Neue Arbeit Konstanz, ein anschaulicher
Modellfall für die Möglichkeiten des Dritten Sektor?
Vorausgeschickt werden muß, daß die Neue Arbeit Konstanz
unter vielen Beschäftigungsprojekten ein Sonderfall ist, der über
privilegierte Arbeitsbedingungen und voraussetzungen verfügt:
1) Die Neue Arbeit als Beschäftigungsgesellschaft entwickelte
sich aus einer zusammenhängenden städtebaulichen Aufgabe und
den besonderen Schwierigkeiten, die ihre Umsetzung zu lösen hatte.
Was die Neue Arbeit Konstanz zunächst einmal von anderen Beschäftigungsbetrieben
unterscheidet, sind ihr andersartiger Aufbau und die Umstände ihrer
Entstehung. Beschäftigung und Berufsbildung spielten
bei der Gründungsidee des Projektes noch gar keine Rolle, auch die
Neue Arbeit als rechtliche Körperschaft gab es noch nicht. Das Projekt
trug den Titel Wohnungsbau in Bewohnerselbsthilfe, und die
Gründungsidee war zunächst einmal geprägt von den Sozialutopien
der späten Studentenbewegung: die Entwicklung von selbstbestimmteren
Lebensformen und ein Interesse an sozialen Experimenten.
Anlass und Gelegenheit zur Verwirklichung bot sich in Konstanz,
nachdem hier Ende der siebziger Jahre aus einer der ersten Städte
der Bundesrepublik die Garnison in diesem Fall die französische
abgezogen wurde. Drei große Kasernen und zahlreiche Offizierswohnungen
wurden in kurzer Zeit frei. Die Wohnungen wurden weitervermietet, zwei
der Kasernen zu Verkauf und Verwertung freigegeben. Nur die dritte, die
sogenannte ChérisyKaserne, wurde von der Bundesvermögensverwaltung
für eine spätere Wiederverwendung durch die Bundeswehr vorgehalten
und eingemottet.
Die Vorhaben wurde jedoch immer wieder verschoben. Auf Drängen
des Studentenwerkes fand sich das Verteidigungsministerium schließlich
1981 bereit, die Kaserne auf 10 Jahre befristet für eine zivile Zwischennutzung
freizugeben. Das Projekt des Studentenwerk sah vor, die Mannschaftsunterkünfte
als Wohnheim umzunutzen, scheiterte jedoch an den zu hohen Baukosten (10
Mio bis 14 Mio), ausbleibender Förderung der Stuttgarter Landesregierung,
damals enorm hohen Darlehenszinsen und der zu kurze Nutzungszeit. Eine
kostendeckende Bewirtschaftung wäre nur mit astronomischen Mietpreisen
möglich gewesen. Die Kaserne drohte damit zur Verwertungslücke
zu werden.
Was nach konventioneller Berechnung eine Nutzung verhinderte, wurde
für die Evangelische Studentengemeinde (ESG), in der die sozialutopische
Idee ausgebrütet wurde, zur einmaligen Chance: Ein großes zusammenhängendes
innerstädtisches Areal in dem selbstbestimmtes Wohnen, Arbeiten,
Leben und Vieles mehr Platz finden könnte, was die Idee mit Leben
füllt. Zunächst einmal mußte harte Arbeit geleistet und
in den ehemaligen Mannschaftunterkünften 200 Wohnplätze für
Studenten geschaffen werden. 40 bis 60 Wohnplätze blieben für
Familien und Nichtststudenten.
Dieses in kürzester Zeit und mit einem Schuß gesunder
Naivität entwickelte Minimalprogramm der ESG konnte sich durchsetzen,
weil es hierzu keine Alternative gab. Auch politische Bedenken, die der
ESG Nähe zur damaligen Hausbesetzerszene nachsagten, mußten
da zurückstehen. Die Initiative fand nacheinander die Unterstützung
von Universität und Fachhochschule, der evangelischen Landeskirche,
der Oberfinanzdirektion als Vermieterin und schließlich, nach so
vielen Referenzen, auch der politischen Gremien der Stadt Konstanz. Allerdings
mußte die Realisierung mit denselben enormen Finanzproblemen fertig
werden, vor denen Studentenwerk und konventionelle Bauwirtschaft kapituliert
hatten.
Um das mit einem sozial vertretbaren Mietpreis.(damals 5,50 DM/qm)
zu schaffen, mußten die Umbaukosten drastisch gesenkt werden. Mit
eigener Baukolonne aus Selbsthelfern, Studenten und Arbeitslosen, Eigenleistung
künftiger Bewohner wurden in enger Kooperation mit ganz normalen
Handwerksbetrieben, die bereit waren sich auf das Experiment einzulassen,
die ersten 48 Wohnungen gebaut. Das gelang bis 1984 mit 20% der offiziell
geschätzten Baukosten und nur 1,5 Mio an öffentlichen Zuschüssen
und Darlehen. Der Preis, der für dieses Minimalkonzept
bezahlt werden mußte, war ein zunächst niedriger Wohnstandard,
der mit Improvisation, wiederverwendetem Baumaterial, ehrenamtlicher und
entlohnter aber wesentlich billigerer Eigenleistung realisiert wurde.
Dafür waren die Kapitallasten gering und die zum Weiterbau
verfügbaren Mieterträge entsprechend hoch. Wesentlich in Eigenleistung
und ausschließlich mit den erwirtschafteten Einnahmen sollten Weiterbau
und eine stufenweise Wohnwertverbesserung sichergestellt werden. Daraus
wurde ein arbeitsintensives, den eigenen Verhältnisssen angepasstes
Bauen in Etappen, welches sich stark an Praktiken anlehnte,
die sich historisch in den Selbsthilfegenossenschaften der Zwischenkriegszeiten
finden.
Schon in ihren Anfängen stieß das Projekt der ESG auf
Ansätze, die für unsere Vorstellungen eines Dritten öffentlichen
Beschäftigungssektors von ungemein praktischer Bedeutung sind:
Ein Projekt von hohem öffentlichen Interesses konnte nur realisiert
werden, weil Selbsthilfe und Selbstorganisation von Bürgern, Administration
und konventionelles und Handwerk eng zusammenarbeiteten. Fehlendes Kapital
wurde durch Engagement, Phantasie und genügsame Konzepte ersetzt
und damit zur eigentlichen Lokomotive des Erfolges.
Die Erfahrung, daß sich solchermaßen organisierte,
sinnvolle und hoch motivierende Arbeit, die übrigens nicht schlecht
bezahlt wurde, eine optimale Basis für Beschäftigungsmaßnahmen
bildet, stellte sich im ChérisyProjekt ganz von selbst ein. Zum
einen waren die meisten der Mitarbeiter zuvor arbeitslos gewesen, und
auch die Hauptakteure der ESG waren Akademiker, die mit keiner Karriere
im erlernten Beruf mehr rechnen konnten. Andererseits war nach Abschluß
der ersten Umbauphase die Arbeit längst nicht beendet.
Die ersten Wohnungen waren nur improvisiert und mußten in
späteren Etappen nachgerüstet werden. Weitere Wohnungen konnten
und mußten in den Dachgeschossen der Gebäude erst noch gebaut
werden, um die Ertragslage des Projektes schrittweise zu verbessern und
überhaupt die erforderlichen Mittel für die weitere Entwicklung
verfügbar zu haben. Ein Bauprogramm in Etappen, aus eigenen Mitteln
bestritten und mit Arbeitsbedarf über Jahre. Je preiswerter die Arbeitskraft,
desto effizienter die Erfüllung des Programmes, also mußten
wir auf subventionierte Arbeit zurückgreifen, wo sie zu haben war,
über ABMProgramme oder Hilfe zur Arbeit nach BSHG 19.
Die arbeitspolitischen Potentiale und Perspektiven des Projektes
lagen nahe, bzw. wurden so auf ganz natürliche Weise entdeckt. Um
ihnen einen geeigneten professionelleren Rahmen zu geben wurde die Neue
Arbeit gGmbH als rechtlich und wirtschaftlich handelnder Arm des Projektes
ins Leben gerufen. Neben der ESG e.V., als Organ der Bewohner und Forum
der wohnungspolitischen Ziele, wurde die Soziale Arbeit e.V.
als zweiter Gesellschafterin gegründet. Sie sollte im wesentlichen
Vertretung der Mitarbeiter sein und die für Beschäftigungs und
Qualifizierungsmaßnahmen erforderliche Infrastruktur aufbauen.
Die ersten geförderten Mitarbeiter waren ABMKräfte aus
der Gruppe der schwervermittelbaren Schwerbehinderten, Spezialisten, die
wesentlich zur Professionalisierung und Selbstqualifizierung des Projektes
beigetragen haben: Ein einarmiger diplomierter Handelslehrer hat erst
einmal eine ordentliche Buchhaltung eingeführt, ein fast blinder
Sozialarbeiter das Beschäftigungskonzept entworfen, ein noch krebskranker
Bauingenieur den ersten HzAKräften, großteils anerkannte Assylbewerber,
das Mauern gelernt. Mit 20% der üblichen Lohnkosten haben wir 80%
bis 100% der Leistung, im Falle der HzAKräfte gegen die Regiekosten
mindestens 60% Leistung an das Projekt gebunden. Subventionierte Arbeit
als Ersatz für fehlendes Kapital und direkte Subventionen:
Die Integration wertvoller, brachliegender Arbeitskräfte war,
um ihren oben bereits erwähnten Stellenwert noch einmal zu verdeutlichen,
in unserem Projekt nie philantropischer Luxus, sondern ein
mit pragmatischen betriebswirtschaftlichen Überlegungen entdeckter
bzw. wiederentdeckter unverzichtbarer Produktionsbaustein des Projektes.
Die Einbindung der sozialpolitischen Aufgabe Beschäftigung
und Berufsbildung brachte einen erheblichen Entwicklungsschub für
das Projekt mit sich, verlangte den Aufbau eigener ausbildungsbefähigter
Meisterbetriebe und leitete die fachliche Selbstqualifizierung der ursprünglichen
Laieninitiative ein. Die ganze weitere Entwicklung der Neuen Arbeit und
der Kaserne zum kleinen Stadtquartier wäre ohne dies wesentlich anders
verlaufen:
Die Remilitarisierung der ChérisyKaserne wurde schon 1989
endgültig zu den Akten gelegt, das ganze Areal einem städtebaulichen
Planungsverfahren unterzogen. Auf den Freiflächen haben die städtische
und andere Wohnungsbaugesellschaften seit 1993 Neubauten, Sozial und Altenwohnungen
erstellt, die Neue Arbeit konnte nach äußerst langwierigen
Verhandlungen und einer Phase relativer Lähmung den größten
Teil mit den alten Gebäuden erwerben. Aus anfänglich 48 Wohnungen
sind inzwischen über 100 geworden.
Ein neues Wohnquartier ist entstanden, in welchem konventioneller
und alternativer Städtebau kontrastreich vereint sind und letztere
die gesamte Infrastruktur (Kindergarten und krippe, Kino, Kultur
und Jugendzentrum, Gastronomie und Gewerbe) beinahe allein stellt und
trägt. Mit der Kostenverteilung zwischen dem konventionellem und
alternativen Städtebau verhält es sich freilich genau umgekehrt,
was ein anschaulicher Beleg für die gemeinnützige Leistungskraft
von Gemeinwesenarbeit ist.
2) Die Neue Arbeit Konstanz heute: ein wohnungswirtschaftliches Unternehmen,
das die soziale Aufgabe Beschäftigung und Berufsqualifizierung
produktiv integriert
Für die Sonderrolle der Neuen Arbeit als Beschäftigungsbetrieb
scheint mir aus heutiger Sicht von Bedeutung, daß sie sich konsolidiert
hat. Sie ist kein Experiment geblieben, keine Sternschnuppe,
wie das für viele alternative Ansätze typisch war. Die Doppelkonstruktion
als Beschäftigungs und Wirtschaftsunternehmen, möglicherweise
auch die damit verbundene soziale Verantwortung, hat sie stabil gemacht.
In erster Linie ist die Neue Arbeit Konstanz heute ein Wohnungsbau
und Wohnungswirtschaftsunternehmen, das auf Grund seines Produktangebotes
und seiner Refinanzierung ohne weiteres dem ersten.Arbeitsmarkt zuzuordnen
wäre. Sie unterhält eigene ausbildungsfähige Handwerksbetriebe,
baut, vermietet, bewirtschaftet und verkauft auch gelegentlich eigene
Wohnungen, und führt auch als Fremdaufträge auf dem Markt aus.
Zugleich ist die Neue Arbeit Konstanz weiterhin, nur in erheblich
größerem und professionellerem Umfang, Trägerin von Beschäftigungs
und beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen, die sie im Rahmen ihrer
eigentlichen wirtschaftlichen Betriebszwecke durchführt. Das heißt,
ihre Tätigkeit, ist weniger, als bei den meisten Beschäftigungsinitiativen,
Mittel zum eigentlichen Zweck Beschäftigung, es verhält
sich eher umgekehrt: Die soziale Aufgabe Beschäftigung und
Qualifizierung dient unmittelbar den eigentlichen wirtschaftlichen
Zielen und steht damit in einem Bezug zur Produktion, wie es in jeder
Art vernünftiger Wirtschaft der Fall sein sollte:
Sie ist integrierter Produktionsfaktor. Das ist wesentlich deshalb
möglich, weil da einige günstige Faktoren zusammenkommen. Insbesondere
muß sich die Neue Arbeit als Wohnungsunternehmen kaum nach den Preis
und Leistungsvorgaben dritter Auftraggeber ausrichten, sondern ist auf
einem Markt zugegen, der die Nachfrage kaum und wenn, dann nur mit gewohnheitsmäßige
hohen öffentlichen Subventionen befriedigen kann. Mit ihrem sehr
günstigen Mietpreisen steht die Neue Arbeit Konstanz daher beinahe
konkurrenzlos da, was experimentellen Spielraum für eigene sozial
ausgerichtete Unternehmenskonzepte schafft. Anders ausgedrückt: die
betriebswirtschaftliche Integration sozialer Ziele ist wesentlich eine
Frage des Unternehmenskonzeptes.
3) Die Neue Arbeit Konstanz: ein Gemeinwesen und Labor für kommunale
Handlungsmodelle
Dem kommt zusätzlich entgegen, daß die Neue Arbeit Konstanz
nach wie vor wiederum Teil eines größeren zusammenhängenden
Gemeinwesens ist, welches aus mittlerweilen 420 Bewohnern, den Mitarbeitern,
weiteren Betrieben, kulturellen und sozialen Einrichtungen besteht. Die
Mitglieder der Gemeinschaft können die Geschicke ihrer Gemeinschaft
nach wie vor über die demokratischen Organe der Gesellschaft direkt
mitgestalten und bestimmen. Als Trägerin des Gemeinwesens verfügt
die Neue Arbeit somit selbst über vielfältige Elemente und Komponenten
des Gesellschafts und Wirtschaftslebens, die in unserer fortgeschrittenen
Gesellschaft normalerweise auseinanderfallen.
Während andere Beschäftigungsinitiativen mit ihrer Arbeit,
ihren Ideen und Bemühungen auf den Markt, auf Goodwill, Einsicht
und Vernunft unterschiedlicher Partner in Adminstration, Politik und Wirtschaft
angewiesen sind, ist die Neue Arbeit Konstanz in der glücklichen
Lage, selbständig gestalten und experimentieren zu können. Vor
allem ist sie Auftragnehmer und nehmer zugleich und kann ihre Ideen
im eigenen Mikrokosmos ungestört und weitgehend ohne ordnungspolitische
Rücksichtnahmen umsetzen. Mit anderen Worten: Wir haben die Chance,
gewissermaßen im Labormaßstab soziale Modelle durchzuspielen,
gegen die sich die Gesellschaft aus verschiedensten Gründen sperrt.
Fassen wir die wesentlichen Merkmale aus dem Modell der Neuen Arbeit
Konstanz zusammen, die sich für ein Konzept von Gemeinwesenarbeit
oder Dritter Sektor verwerten und anwenden lassen:
Die Realisierung einer gemeinnützigen Aufgabe, welche die
Wirtschaft allein unmöglich bewältigen konnte
Ein Konzept, das Selbsthilfe, Engagement, produktiven Einsatz brachliegender
Arbeitskraft und Handwerksunternehmen dabei fruchtbar zusammenbringt
Daraus erwachsen für die beteiligte Wirtschaft (Handwerk,
Baustoffhandel) zwar nicht sofort die gewohnten Umsätze, aber doch
echte zusätzliche Wirtschaftsimpulse und über Jahre verteilte
Aufträge
Eine funktionierende Gemeinschaft, die Menschen zu einer Gemeinschaftsidee
zusammenbringt, zivile Subjektverluste ein Stück weit aufhebt, Mitgestaltung
ermöglicht und Synergien freisetzt und
Schließlich wird hier subventionierte Arbeit in großem
Maßstab produktiv eingesetzt, im Gegenzug resultieren extrem hohe
Einsparung an direkter Projektförderung und ein nachhaltiger öffentlichen
Nutzen (in diesem Fall preiswerte öffentliche Wohnungen, Kindergartenplätze,
kommunales Kino, Kultur und Jugendeinrichtungen, Beiträge zur Existenzsicherung
zahlreicher Gewerbebetriebe, ein hoher Ertrag an dauerhaften Arbeitsplätzen).
Damit wird deutlich, daß ein Gemeinwesen wie dieChérisyKaserne
der Neuen Arbeit Konstanz keineswegs eine in sich abgeschlossene soziale
Idylle ist, sondern in vielfältigen Austauschverhältnissen zu
Stadt, Gesellschaft und Wirtschaft steht. Wir nehmen Leistungen in Anspruch,
geben aber und das ist das, was den Wert von Gemeinwesenarbeit
oder Konzepten des Dritten Sektors recht eigentlich interessant
macht wesentlich mehr an öffentlicher Leistung zurück.
IV. Die Ergebnisse des ChérisyProjektes,
ein Beleg für die volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit von
Gemeinwesenarbeit und öffentlicher Beschäftigung?
Die Neue Arbeit hat 1982 als WohnungsbauSelbsthilfeinitiative ohne
jedes Eigenkapital angefangen. Heute ist sie Eigentümerin von ca.
27.000 qm Grundstücksfläche, von 5 kompletten und Teilen weiterer
3 ehemaliger Mannschaftsgebäuden der ehemaligen ChérisyKaserne.
Die Liegenschaft umfasst 14.400 qm Wohn und 2.800 qm Nutzfläche für
Gewerbe, kulturelle und soziale Einrichtungen. Weitere 1.390 qm Wohnfläche
sind in anderen Stadtteilen längerfristig angemietet bzw. von der
Neuen Arbeit renoviert oder ausgebaut worden.
Die gegenwärtig 107 Wohnungen bieten Wohnraum für 430
Menschen. Weitere 10 Wohnungen mit 30 Plätzen werden in den kommenden
3 Jahren gebaut. Die Bewohnerschaft setzt sich zu etwa 48 % aus Studenten
in Wohngemeinschaften und zu 52% aus Familien und Alleinerziehenden zusammen.
Vertreten sind alle gesellschaftlichen Schichten vom Sozialhilfebezieher
bis zum Rechtsanwalt, Lehrer und UniDozenten, darunter mindestens 12 Nationalitäten.
Diese städtebaulich und soziologisch gesunde Mischung ist u.a. deshalb
möglich, weil die Neue Arbeit nur in geringem Umfang öffentliche
Wohnungsbauförderung in Anspruch genommen und daher das Recht hat,
auch Bewohner mit höherem, als nach Wohnungbaugesetz zulässigem
Einkommen aufzunehmen.
Zu den eigenen, selbst gebauten und bewirtschafteten Einrichtungen
der Neuen Arbeit/ESG e.V. und damit zur Infrastruktur des ChérisyWohnquartieres
gehören ein 2gruppiger öffentlicher Ganztagskindergarten mit
42 und eine Kinderkrippe mit 12 Plätzen, das Konstanzer kommunale
Kino, welches von einem eigenen Verein betrieben wird, ein Jugendclub
und 6 Betriebswerkstätten (Schreiner, Elektro und Sanitärinstallation,
Schlosserei, allgemeiner Baubetrieb und Maler).
Eine Mitarbeiter und Bewohnerkantine ist geplant. Etwa 1800 qm
sind an 12 weitere Gewerbebetriebe vermietet, darunter Ateliers, Büros
und Praxisräume für einen Arzt, 2 Psychologen und eine Krankengymnastin.
Räume für einige Beratungsstellen und eine BehindertenTagesstätte
sind in nächster Zukunft vorgesehen. Auf einem brachliegenden Teilgrundstück
fassen wir erstmals auch den Neubau eines 4stöckigen Gebäudes
ins Auge, das später Verwaltung, Versammlungsräume und die Beratungsstellen
aufnehmen soll. Auf dem Dach ist großflächig eine erste Solaranlage
vorgesehen. Dieser Bau soll in einer optimal auf Eigenarbeit ausgerichteten
Technik konstruiert werden.
Gemeinsam mit weiteren Handwerksbetrieben, Kleinunternehmen, sozialen
und kulturellen Initiativen, die zuvor ebenfalls langjährige Mieter
der Bundesvermögensverwaltung waren, hatte die Neue Arbeit eine weitere
(nicht gemeinnützige) Gesellschaft, die Entwicklungsgesellschaft
Chérisy GbR, gegründet. Ziel war dabei der gemeinsame
Erwerb und der Ausbau entsprechender Gebäude im ehemaligen technischen
Bereich der Kaserne und die inzwischen auch erfolgreich abgeschlossene
Existenzsicherung dieser Kleinbetriebe. Der inzwischen entstandene Gewerbehof
bietet Raum für 20 weitere Kleinbetriebe, Handwerker und Kultur und
Sporteinrichtungen, darunter auch die Werkstätten der Neuen Arbeit.
Alle Teilhaber sind seit kurzem Eigentümer ihrer Betriebsstätten.
Mit einem Entnahmepreis von unter DM 1.000,/qm (schlüsselfertig,
voll erschlossen, mit zentraler Energie und Heizung, ohne spezielle Betriebseinrichtungen)
wurde die Existenzgrundlage für Gewerbetypen gesichert, die unter
den üblichen Methoden der Gebietssanierung (Anlagemodelle, Investoren,
Entwicklungsträger) hätten aufgeben müssen.
Hier liegt der Sonderfall vor, daß die Neue Arbeit als sozialwirtschaftliches
Unternehmen Wirtschaftsbetriebe unter Prinzipien der Solidargemeinschaft
organisiert und in Selbstorganisation städtebauliche Entwicklungs
und Wirtschaftsförderungsaufgaben federführend mit in die Hand
genommen hat, die einer Kommune in aller Regel einige Hunderttausende
kosten. Ca. 50 Arbeitsplätze wurden durch Gemeinwesenarbeit erhalten.,
der Stadt Konstanz sind keinerlei öffentliche Kosten entstanden.
Der Kaltmietpreis für die Wohnungen der Neuen Arbeit liegt
mit 7,40 DM/qm um 1,35 DM/qm unter der örtlichen Sozialmiete, wobei
die in ehemaligen Kasernen übermäßig großen Flurflächen
nur mit 50% berechnet werden und dieser nominelle Mietpreis zudem Umlagen
enthält, die üblicherweise den Nebenkosten zugerechnet werden
(Grundsteuer, Hausmeister). Der Vergleichsmietpreis liegt demnach noch
niedriger, nämlich bei 6,50 DM proqm. Der Mietpreis für die
gewerblichen Mieter der Neuen Arbeit richtet sich nach der Wirtschaftskraft
der Partner und variiert zwischen DM 4,50 und 8,50 pro qm.
Der Investitionswert der Gesamtliegenschaft der Neuen Arbeit (d.h.
Erwerbs und die über die Jahre summierten Baukosten) beläuft
sich nach aktuellem Stand auf 19,65 Mio DM. Finanziert wurden sie mit:
9,35 Mio DM (48%) aus Eigenleistungen und erwirtschaftetem Eigenkapital,
davon wiederum stammen etwa 1,75 Mio DM (9%) aus dem Verkaufserlös
von 7 Wohnungen an die bisherigen Bewohner.
7,15 Mio DM (36%) aus Darlehen zu marktüblichen Konditionen.
36% beträgt demnach auch die gegenwärtige Verschuldungsquote.
Nurmehr 3,15 Mio DM (16%) beträgt hingegen der Anteil an öffentlichen
Zuschüssen gerechnet von 1982 bis heute.
Die künftigen planmäßigen Investitionen für
die weitere Sanierung (Balkone, zusätzliche Wohnungen, Sanierung
aller Bäder, Neufenster etc.) beziffern wir nach gewerblichen Kostenschätzungen
auf weitere 10,7 Mio DM. Da wir diese wohnwertsteigernden Bauleistungen
nach dem Etappenprinzip in den kommenden 15 Jahren ausschließlich
mit Eigenmitteln und 10% weiteren zugesicherten Förderzuschüssen
erbringen wollen, erzielt das Projekt dann ein planmäßiges
Eigenleistungsvolumen von 63%, einen Schuldenstand von 23,5%
und eine Subventionsquote von 13,5%.
Dem mit Finanzierungsfragen und gewohnheiten Vetrautem erschließt
sich das Ungewöhnliche auf den ersten Blick. In der traditionellen
Bauwirtschaft liegt ein spiegelbildlicher Finanzierungsaufbau vor. Subventionen
und Darlehen summieren sich in der Regel auf 70% bis 80% und die Eigenleistung,
die sich auf das Eigenkapital reduziert, beläuft sich höchstens
auf 20% bis 30%. In diesem Vergleich verbirgt sich auch das greifbarste
volkswirtschaftliche Ergebnis. Es deckt sich mit der Feststellung, einer
offiziellen wissenschaftlichen Begleitstudie des BMBau, die schon 1985
zu dem Ergebnis kam, daß mit den für das ChérisyProjekt
eingesetzten Fördermitteln ca. 4,3 mal soviel Wohnraum geschaffen
wurde, wie im Rahmen vergleichbarer Sanierungsmaßnahmen.
Das Land BadenWürttemberg hat überschlägig etwa
14 Mio DM an WohnungsbauFördermitteln eingespart. Die Stadt Konstanz
hatte in der Vergangenheit lediglich einen Zuschuß von DM 115.000,
geleistet darunter nur DM 25.000, für den Kindergarten und
die Bürgschaft für ein Darlehen von 350.000, übernommen,
welches längst getilgt wurde.
Noch wichtiger als die rein wirtschaftlichen, vor allem unter fiskalischem
Blickwinkel interessanten Ergebnisse, sind die nachhaltigen sozialen Erträge.
Wir finanzieren alle weiteren Baumaßnahmen, die Defizite,
die wir im Bereich der Beschäftigung und Qualifizierung mit einiger
Regelmäßigkeit machen, sowie die Trägeranteile an den
laufenden Betriebskosten für Kino, Kindergarten und krippe
aus den monatlichen Überschüssen der dennoch niedrigen Mieterträge.
Anders ausgedrückt: auch die Regiekosten der Beschäftigungs
und Qualifizierungsmaßnahmen decken wir zum größten Teil
aus eigenen Mitteln. Dasselbe gilt für die Kindergarten und Jugendclub:
Daß ein Wohnquartier seinen eigenen Trägeranteil an Kindergarten
und weiteren öffentlichen Einrichtungen trägt und nicht aus
umverteilten Steuermitteln der Kommune oder eines Wohlfahrtsverband, ist
sicherlich kommunalpolitisch ebenso interessant, wie die Auswirkungen
im Bereich Mietpreise und Beschäftigung:
Der Kommune kommt außerdem die Ersparnis an Wohngeld bzw.
im Falle der von Sozialhilfe abhängigen Bewohner die Einsparung an
direktem Mietzuschuß zugute. Daß wir den bei uns über
HzA Beschäftigten zugleich preiswerte Wohnungen oder Kinderbetreuungsplätze
anbieten können, begründet einen Teil des Erfolges im Beschäftigungsbereich.
Gerade in einer Stadt mit so hohem Mietpreisniveau wie Konstanz ist der
Wechsel in eine preiswerte Wohnung zwingende Voraussetzung für den
Ausstieg aus der Sozialhilfe, die auch hohe Mieten deckt, und die Aufnahme
eines normalen Arbeitsverhältnisses.
Besonders profitiert die Kommune aus den mit der Beschäftigung
einhergehenden Kostensenkungen. Sie beziffert sich, wie das Sozialamt
anhand konkreter Einzeldaten einmal grob überschlagen hat, bei regelmäßig
20 bis 25 Maßnahmeteilnehmern auf jährlich zwischen 600.000,
und 800.000, DM. Diese Zahlen beziehen sich auf den HzANormalfall, der
einjährige Beschäftigung bei der neuen Arbeit unter tariflicher
Bezahlung, anschließende Arbeitslosigkeit mit Arbeitslosengeld bzw.
Arbeitslosenhilfebezug über drei Jahre. Der echte Erfolgsfall, nämlich
die anschließende Vermittlung in ein reguläres DauerArbeitsverhältnis
ist hier garnicht in Betracht gezogen.
Wie im Falle vieler andere Beschäftigungsbetriebe arbeitet
die Neue Arbeit schwerpunktmäßig auf der Basis von Hilfe
zur Arbeit. Die uns zugewiesenen Mitarbeiter werden nach einer Probezeit
in der Regel für ein Jahr nach Handwerkertarif bezahlt, der Sozialhilfeträger
übernimmt in dieser Zeit die vollen Lohnkosten. Während dieses
Jahres hat jeder dieser Mitarbeiter die Möglichkeit in den verschiedenen
Handwerksrichtungen hineinzuschmecken bzw. sich einem bestimmten
Zweig fest zuzuordnen.
Neben den einschlägigen Bauhandwerken allgemeiner Bau, Schreinerei,
Maler, Schlosserei, Elektro oder Sanitärinstallation bieten vor allem
auch das Büro und der Kindergarten nicht nur Beschäftigung,
sondern auch weiterführende Vollausbildungs oder Umschulungsmöglichkeiten.
Wer sich dazu entschließt, kann nach Beendigung des HzAJahres oder
auch schon früher eine reguläre Vollausbildung bei der Neuen
Arbeit absolvieren und abschließen. Diese Maßnahme wird dann
von der Arbeitsverwaltung finanziert.
Neben der Vollausbildung bei der Neuen Arbeit zählen wir auch
die Vermittlung der HzAMitarbeiter in ein anschließendes reguläres
Dauerarbeitsverhältnis zu den Erfolgsfällen. Der/die eine/r
oder andere HzAMitarbeiter wurde und wird auch bei der Neuen Arbeit selbst
fest angestellt. Die in diesem Sinne definierte Erfolgsquote der Neuen
Arbeit liegt regelmäßig zwischen 30% und 40%.
Der eigentliche und wichtigste Ertrag des Projektes liegt jedoch
in den dauerhaften Arbeitsstellen, die es selbst auf Dauer schaffen und
finanzieren kann. Zur Zeit besteht die KaderCrew der Neuen Arbeit aus
22 festen und 4 ABMKräften, die jedoch in absehbarer Zeit ebenfalls
fest übernommen werden sollen. Alle diese Kräfte, auch die Meister
und Gesellen, waren vor ihrer Anstellung bei der Neuen Arbeit Konstanz
selbst arbeitslos. Daß ein kleines Wohnprojekt, diese Ausbeute an
laufender Beschäftigung abwirft, ist natürlich ein Resultat
der ausdrücklich auf die soziale Zielsetzung ausgerichteten Betriebswirtschaft.
V. Schlußfolgerungen:
Der hier dargestellte volkswirtschaftliche Ertrag der Neuen Arbeit
Konstanz steht ausdrücklich unter dem Vorbehalt des Sonderfalles,
der besonders glücklichen Kombination von Beschäftigung, Wohnungswirtschaft
und der synergetischen Kraft des Gemeinwesens Chérisy. Es ist nicht
von der Hand zu weisen, daß dieser Erfolg wesentlich damit zu tun
hat, daß die soziale Aufgabe eng mit einem besonders rentablen und
krisenfesten Wirtschaftssektor, nämlich der Wohnungswirtschaft, verbunden
ist.
Der Status als singulärer Sonderfall mit privilegierten Rahmenbedingungen,
kann jedoch keineswegs ein Argument gegen die Übertragbarkeit und
Verallgemeinerbarkeit seiner Konzepte und Ergebnisse sein. Ganz im Gegenteil,
Der Sonderfall Chérisy veranschaulicht und verdeutlicht
an praktischen Ergebnissen, was unter günstigen Umständen möglich
wäre, die hier ausnahmsweise einmal zusammenkamen.
Dabei handelt es sich ja gerade nicht um günstige materielle
Umstände, sondern um günstige ideelle und politische Umstände,
nämlich das Zusammenwirken von Bürgerengagement, Arbeitslosen,
Behörden und Wirtschaft, die gemeinsam eine zu Beginn wirtschaftlich
nicht nur ungünstige, sondern eigentlich aussichtslose Situation
gemeistert haben. Solche günstigen politischen Konstellationen, so
die richtige Schlußfolgerung, müssen eben häufiger zusammenkommen.
Diese Feststellung geht eigentlich an die Adresse von Wirtschaft
und öffentlicher Verwaltung, sollte eigentlich Denkanstösse
geben. Prinzipiell hat jeder wirtschaftliche Sektor, insbesondere natürlich
der von öffentlichen Aufträgen abhängige mittelständischhandwerkliche
im Bausektor, die Möglichkeit, in ähnlicher Weise, wie es die
Neue Arbeit tut, eine soziale Beschäftigungsabteilung ihrem normalen
Betriebsablauf anzugliedern und damit subventionierte Arbeit für
öffentliche Aufgaben in Anspruch zu nehmen. Vor allem städtische
Wohnungsunternehmen kämen hierfür in Betracht.
Es muß jedoch nicht die Bauwirtschaft sein, hunderte von
Projekten liessen sich vorstellen in Bereichen wie Tourismus, Bewirtschaftung
von Landschulheimen, Altendienste und vieles mehr. Die Verdrängungsgefahren
die mit der Einbindung subventionierter Arbeit in die Wirtschaft verbunden
sind und die zu ihrer Unterbindung erforderlichen Regulative sind uns
bewußt. Sie sollen hier nicht Gegenstand der Erörterung sein,
es geht uns um die Verdeutlichung der qualitativen Potentiale.
Es ist Klar, daß ein solches Plädoyer für die Initiierung
eines neuen öffentlichen dritten Sektors vorläufig keinen gesellschaftlichen
Rückhalt findet, insbesondere, weil eine verwöhnte Wirtschaft
ihre eigenen Möglichkeiten nicht zu erfassen in der Lage ist, die
in der Reaktivierung des im Unterhalt der Arbeitslosigkeit gebundenen
Finanzvolumens steckt. Das hält uns jedoch nicht davon ab, mit den
uns zur Disposition stehenden Möglichkeiten und mit der gebotenen
politischen Diplomatie behutsam kleine Projekte dieser Art anzuzetteln.
Dabei kommt uns vor allem entgegen, daß die Neue Arbeit Konstanz
im lokalen und regionalen öffentlichen Raum eine gewisse Rolle spielt
und in dem schon länger auf Kreisebene existenten Bündnis
für Arbeit mit Handwerkskammer, IHK, Sozial und Arbeitsamt,
Gewerkschaft und den anderen Beschäftigungsinitiativen turnusmäßig
an einem Tisch sitzt.
Sie stößt zwar bei den politischen Gremien der Stadt
und des Kreises nicht gerade auf hellste Sympathien (auch nicht bei einem
grünen Oberbürgermeister), wird aber auf ambivalente
Weise ernst genommen. Obwohl die Neue Arbeit vor allem mit einem ihrer
Handwerksbetriebe überwiegend auf dem Markt tätig ist und sehr
häufig städtische Aufträge an prominenten Projekten durchführt,
herrscht nach anfänglichem Krieg mit der Handwerkskammer seit 13
Jahren nicht nur Waffenstillstand, es wird sogar im Bereich Qualifizierung
eng zusammengearbeitet (gemeinsam durchgeführte und finanzierte Kurse,
die zu Zertifikaten in Schweisstechnik oder Maschinenbedienung führen,
mehrwöchige Grundkurse in Holz, Mauerbau, Metall und Malertechnik).
Könnte Gemeinwesenarbeit auch Keimzelle für gesellschaftliche
Lernprozesse sein?
VI. Was kann getan werden? Praktische Ansätze
zur Verbesserung des Klimas für Gemeinwesenarbeit
In behutsamen, kleinen Schritten werden wir versuchen, das Klima
und die Akzeptanz für die Idee des Dritten Sektors zu
erweitern. Welche Voraussetzungen sind hierfür erforderlich? Wo könnten
sie ansetzen?
Zunächst wäre gemeinsam mit den Sozialhilfeträgern
und der Arbeitsverwaltung eine Art Querschnittsprofil über
die beruflichen Qualifikationen, sonstigen Fähigkeiten und individuellen
Interessen unter den Arbeitslosen in der Region zu erstellen.
Parallel hierzu wäre ein BrainStorming über
notwendige öffentlichen Aufgaben anzustellen, die auf Grund der kommunalen
Finanznöte unverrichtet bleiben, danach über zusätzliche
Aufgaben, die wesentlich zur Verbesserung der öffentlichen Dienstleistungen
beitragen könnten. (laufende Renovierung öffentlicher Gebäude,
Sanierung oder Neubau von Spiel und Sportplätzen, Renovierung und
Bewirtschaftung von Sozialwohnungen, Bau, Sanierung und Betrieb von Campingplätzen
für Jugend oder Familien nicht so teuer sind, wie hier üblich,
und viel Denkbares mehr.
Zur qualitativen Verbesserung des öffentlichen Lebens könnten
ferner beitragen: Personelle Ausstattung von Kindergärten über
die Pflichtquote hinaus, Aufbau von oder Ergänzung vorhandener Haushaltshilfen
für Alte und Kranke, Aufbau kostengünstigerer touristischer
Angebote für Alte, Behinderte und kinderreiche Familien, personelle
Verbesserung der öffentlichen Verkehrsmittel, Betreuung von Jugendferienlagern
Dann würde der Frage nachgegangen, welche dieser Aufgaben
mit den vorhandenen brachliegenden Kräften angegangen und ausgefüllt
werden könnten und welche ergänzenden Zusatzqualifikationen
eventuell dafür erforderlich wären. Letzter Aufgabe wäre
bereits ein Fall für die Beschäftigungsprojekte, die in jedem
Fall auch die begleitende Betreuung der zu integrierenden Arbeitslosen
leisten müssten.
Der entscheidende Schritt besteht darin, einzelne Unternehmen und
Handwerksbetriebe zu suchen und zu gewinnen, die den zu bewältigenden
öffentlichen Aufgaben nahestehen, in angrenzenden Wirtschaftsbereichen
tätig und bereit sind, sich auf Experimente einzulassen. Das sind
in jedem Fall Handwerker aller Art, aber auch Dienstleister wie Altenhilfen,
Altenpflege, ....Diese Unternehmen würden in einzelnen Vorhaben die
fachliche Regie führen. Ein Malerbetrieb würde etwa, nach demselben
Modell, das die Neue Arbeit in ihrem eigenen Wohnungsbestand praktiziert,
mit einem Meister und einem Gesellen ein Arbeitsteam aus vorqualifizierten
ehemaligen Arbeitslosen aufstellen und anleiten, welches die laufende
Renovation eines Schulgebäudes durchführt. Die Kosten, die der
Kommune entstehen, beschränken sich dadurch auf die Lohnkosten der
betriebseigenen Fachkräfte, sowie den Materialaufwand. Beinahe kostenneutral
bleiben die Lohnaufwendungen für die Langzeitarbeitslosen.
Zwei geeignete Projekte könnte und würde die Neue Arbeit
als Träger selbst in die VersuchsArena werfen und damit
einen Anfang machen: Es handelt sich zum einen um die Verlegung und Vergrößerung
des vorhandenen Kindergartens in ein dafür geeigneteres Gebäude.
Zum anderen planen wir auf einem der Neuen Arbeit gehörenden Grundstück
einen Neubau, der künftig unsere Büros und Versammlungsräume,
ferner verschiedene öffentliche Beratungsstellen und zusätzliche
Betriebswohnungen aufnehmen könnte. Anhand dieser überschaubaren
Vorhaben (in diesem Fall ein üblicher Neubau) wollen wir nach dem
konzeptionellen Strickmuster der Praxis der Neuen Arbeit inszenieren,
wie sich der Einsatz öffentlich geförderter Arbeit (Arbeits
und Langzeitarbeitslose), traditionelle Wirtschaft (Bau und Handwerksfirmen)
unter Regieführung und sozialpädagogischer Begleitung einer
Beschäftigungsgesellschaft (Neue Arbeit) zu einem Modellfall des
Dritten Sektors kombinieren lassen.
Das Ergebnis wird ein Funktionsgebäude sein, das die Unterbringung
von öffentlichen Einrichtungen zu dauerhaft niedrigen Kosten sicherstellt.
Wir werden im Vorfeld mit der Handwerkskammer, dem Arbeitsamt und den
Sozialämtern organisatorische Gespräche führen, interessierte
Bau und Handwerksfirmen gewinnen. Über das Projekt wird exakt buchgeführt
und im Ergebnis eine volkswirtschaftliche KostenNutzen Bilanz gezogen,
die sich öffentlich präsentieren läßt.
Praktisch unterfütterte Aufklärungsarbeit, die zwischen
dem, was der Luxemburger EUGipfel will und den lokalen Hindernissen vermittelt,
die greifbar machen soll, daß es jenseits der begrenzten Kompetenz
der Wirtschaft noch eine gesellschaftliche Kompetenz gibt, die volkswirtschaftlich
effektiver ist. Insbesondere wollen wir belegen, daß in der unmittelbare
Einlösung sozialer Verpflichtungen wirtschaftlich innovativere Kraft
steckt, als im Herbeibeten von Konjunkturen.
Interpretation
Was veranschaulichen diese Zahlen?
Dort, wo das Engagement vieler Menschen um eine sinnvolle, gleichermaßen
sie selbst, wie die Allgemeinheit betreffende Aufgabe ins Spiel kommt
entsteht
a) eine Leistungsbereitschaft und fähigkeit, die weder
durch administratives Handeln, noch durch ein Wirtschaftsunternehmen ersetzt
werden kann.
b) eine soziale Kompetenz, die im Gemeininteresse wirkt und öffentliche
Aufgaben auszufüllen in der Lage ist, die die politische Kommune
auf Grund finanzieller Restriktionen nicht mehr wahrnehmen kann. Bürgerliches
Engagement als verlängerter Arm staatlicher
Das zentrale Ergebnis ist jedoch, daß am Auf und Ausbau dieses
Projektes von Anfang an in ganz erheblichem Umfang Arbeitslose und Langzeitarbeitslose
beteiligt waren. Behinderte Akademiker, Arbeitslose aller möglichen
handwerklicher oder kaufmännischer Qualifikationen und ohne berufliche
Vorbildung, Asylbwerber vieler Nationalitäten, sogar Psychatriepatienten
haben mitgewirkt. Ein blinder Sozialarbeiter hat das Beschäftigungskonzept
wesentlich mit entwickelt, ein behinderter Architekt hat Assylbewerber
im Maurerhandwerk eingelernt, ein einarmiger Diplomvolkswirt hat der Geschäftsleitung
die Buchhaltung beigebracht.
Der negative Sozialtransfer wurde umgekehrt.
Sozialhilfe oder Arbeitlosenkosten wurden produktiv eingesetzt,
am anderen Ende der KostenNutzenRechnung wurden Millionenbeträge
an Wohnungsbausubventionen und werden laufende öffentliche Aufwendungen
für Unterhalt von Sozialhilfebeziehern, Wohngeld, Kindergarten, kommunales
Kino etc. mit nachhaltiger Wirkung eingespart
Da die produktiv investierten Unterhaltskosten gesetzlicher Pflicht entsprechend
ohnehin anfallen würden, entsteht somit ein volkswirtschaftlicher
NettoErtrag mit der Wirkung, daß
ein zusätzlicher Wirtschaftsimpuls an dem die regionale Wirtschaft
(Handwerk, Baustoff und Werkzeughandel) kräftig teilhat.
Man sieht daran, was möglich wird, wenn brachliegende Arbeitskraft
für unerfüllte öffentlichen Bedarf mobilisiert würde.
Im kleinen Rahmen, gewissermaßen in einer Art sozialwirtschaftlichem
Feldversuch hat das Projekt der Neuen Arbeit sondiert, was Inhalt
von Gemeinwesenarbeit oder des Begriffes 3.Sektor
sein könnte.
Solche Projekte bleiben jedoch machen wir uns nichts vor
vorläufig die Ausnahme. Die Möglichkeit ihrer Übertragung
auf die vielfältigen denkbaren Einsatzfelder scheitert an bekannten
ideologischen Vorbehalten und eingeschränkter administrativer Optik.
Der wirtschaftliche Mittelstand, der hier zuerst die Dimensionen
eigener Chancen erkennen sollte, wird es schwer haben, über den Zaun
der Vereinnahmung ......
Die Politik wird der Wirtschaft folgen, woran auch die Parteirichtung
von rechts bis links nichts Wesentliches ändert. ......
Die Verwaltungen bleibt in der Fixierung auf die jeweiligen Haushaltszwänge
und zahlen befangen und wird kaum in der Lage sein, momentane Mehrkosten
gegen damit bewirkten längerfristige Einsparungen zu bilanzieren.
Die Fähigkeit zu pragmatischer volkswirtschaftlicher und sozialer
Intelligenz ist unserer diesbezüglich gelähmte Gesellschaft
verlorengegangen und muß, mühsam wiedergewonnen werden. Wir
würden sogar behaupten, es bleibt bei anhaltender Prognose sich steigernder
Rationalisierung und Arbeitsfreisetzung gar keine anderer Alternative
zur Wiederentdeckung (Renaissance) öffentlich initierter und finanzierter
Arbeit.
1981, vor 18 Jahren gab es in Konstanz weder die Neue Arbeit Konstanz
noch eine Beschäftigungsinitiative, obwohl beider Fundamente schon
damals gelegt wurden. Die Evangelische Studentengemeinde hatte damals
die Idee ins Leben gerufen, eine der 1979 von der französischen Garnison
geräumten Kasernen, die ChérisyKaserne, zu Wohnzwecken
umzunutzen. Neben der Schaffung von Wohnraum im größeren Stil
war es die Chance und der symbolische Reiz, ausgerechnet in einer Kaserne
Frei und Spielraum für ein Experiment selbstorganisierten und
bestimmten Zusammenlebens zu erobern.
Einigen der Akteure schwebte ein Stück Lebensutopie der späten
68er Jahre vor, andere waren mit einem eher sozialwissenschaftlichen Beobachtungs
und Erkenntnisinteresse angetreten. Vielen war auch das Bestreben gemeinsam,
der eigenen drohenden (Akademiker)Arbeitslosigkeit zu entgehen, eine eigene
Existenzbasis zu schaffen, die dem gesellschaftskritischen Lebensentwurf
entsprechen sollte und dabei der als grässlich empfundenen
Fremdbestimmung eines normalen Berufslebens zu entfliehen. Zur Utopie
wie auch zur sozialwissenschaftlichen Fallstudie gehörte selbstverständlich
auch, daß das Vorhaben ohne besondere Voraussetzungen oder Auswahlkriterien
für jedermann/frau offenstehen sollte und auch jede/r am Experiment
Beteiligte gleichberechtigt mitentscheiden und gestalten können
sollte.
Der Idee war ein Vorhaben des Studentenwerkes vorausgegangen, die
Kaserne für ausschließlich studentische Wohnzwecke umzunutzen.
Es war jedoch an enormen finanziellen Problemen gescheitert. Da die Kaserne
damals noch für die eventuelle Wiederbelegung mit einer Bundeswehreinheit
vorgehalten werden sollte, war die Bundesvermögensverwaltung nur
zu einer auf 10 Jahre begrenzte Vermietung bereit. Das bedeutete neben
der damals extrem hohen Zinsrate eine zusätzlich hohe Tilgungsrate,
zusammen 16% bis 17% pro Jahr. Von einer beinahe ausschließliche
Darlehensfinanzierung der notwendigen Umbauten war auszugehen, weil die
Zuteilung an Fördermitteln des studentischen Wohnungsbaues für
den Universitätsstandort Konstanz damals gerade ausgeschöpft
war.
Bei offiziellen Kostenschätzungen des Universitätsbauamtes
zwischen 10 und 14 Mio DM für ca. 350 Wohnplätze errechnete
sich ein kostendeckender Mietpreis von 600, DM/kalt pro Zimmer. Mit denselben
extremen Randbedingungen mußte auch das Vorhaben der ESG fertigwerden,
die zudem nicht einmal über eine müde
Aus zwei Gründen, war diese Ausgangssituation von fundamentaler
Bedeutung für die weitere Entwicklung des Projektes, die Gründung
der Neuen Arbeit als sein wirtschaftlich und rechtlich handelnder Arm,
ihrer vielfältigen Betätigungsfelder und nicht zuletzt der Verküpfung
mit Beschäftigungs und Qualifizierungsmaßnahmen.
1) Am Anfang stand eine umfassende und sinnvolle Gemeinschaftsaufgabe
(und ist es auch weitgehend geblieben). Auch wenn die Erfahrungen mit
der Selbstverwaltung und der Basisdemokratie ambivalent waren (Demokratie
ist nicht zu verwechseln mit Harmonie. Es gab auch Kontroversen und Konflikte),
haben sich doch die wesentlichen damit verbundenen Erwartungen erfüllt.
Der Chérisianer, Bewohner wie Mitarbeiter des ChérisyProjektes,
lebte immer ein abweichendes Zivildasein, hatte ganz andere Möglichkeiten
der Mitgestaltung eigener wie öffentlicher Belange.
Die Neue Arbeit gGmbH, 1984 als rechtlich handelnder Träger
des Projekt gegründet, wurde nie ein gewöhnlicher Betrieb, mit
der Gefahr, in abgestumpfte Normalität zu verfallen. Ehrenamtliches
Engagement und soziale Phantasie hatten genügend Raum, um lebendig
zu bleiben. Chérisy war und verstand sich immer als Gemeinwesen
mit einer gewissen Immunität gegenüber dem sich wandelnden Zeitgeist.
Das reichte, um Synergieeffekte, immer neue Impulse und Ideen freizusetzen.
Es gab nie ein umfassendes, vorgegebenes Konzept, es das Zusammenwirken
vieler Personen und Ideen, welches aus der adhocInitiative zur Wohnungsbeschaffung
ein komplexes sozialwirtschaftliches Unternehmen entstehen ließ
und das Ganze auch ohne Finanzprobleme wirtschaftlich zusammenhielt.
2) Am Anfang standen enorme Finanzprobleme. Sie waren der Auslöser
für den Lernprozess zu einem abweichenden ökonomischen Denken
und Planen, der über das wohnungspolitische hinaus ein immer deutlicheres
arbeitspolitisches Profil gewann. Auch das war weder geplant, noch Zufall.
Bedingt durch den anfänglichen Kapitalmangel und Sparzwang konnten
wir gar nicht der Logik verfallen, die der üblichen modernen
Bauökonomie normalerweise innewohnt.: Ausgehend von üblichen
Baustandards den maximalen Kreditrahmen auszuschöpfen mit der Konsequenz,
daß 60% bis 70% der erwirtschafteten Erträge auf Jahre hinaus
durch den Kapitaldienst blockiert sind. Wir waren gezwungen, mit nur wenigen
Zuschüssen und Darlehen auskommen, mußten uns anfangs mit geringen
Löhnen zufriedengeben, teilweise ehrenamtlich arbeiten und improvisieren.
Wir hatten jedoch immer die kalkulierbare Gewissheit vor Augen,
daß sich das in absehbarer Zeit ändern würde. Nach erfolgreichem
Abschluß einer ersten Umbauphase hätten wir einen vermieteten
Wohnungsbestand und eine Basis sicherer fixer Erträge, von denen
nur ein geringer Teil in Zins und Tilgungsverpflichtungen gebunden wäre,
der größte Teil stünde der nachträglich schrittweisen
Fortentwicklung und Wohnwertverbesserung bzw. für die hierfür
erforderlichen laufenden Lohn und Materialkosten zur Verfügung. Es
war gewissermaßen ein Bauprozess in Etappen, der mit
Improvisation beginnen und sich im Laufe der folgenden Jahre dem wünschenswerten
Wohnstandard annähern sollte.
Bewältigt wurde die erste Etappe des Arbeitsprogrammes durch
extensive Anwendung von Materialrecycling, Organisation einer eigenen
RegieBaukolonne aus Studenten und Arbeitslosen, sowie die enge Kooperation
mit ganz normalen Handwerksbetrieben. Die Wohnungen waren improvisiert,
jedoch äußerst preiswert und dabei von keineswegs geringer
Wohnqualität, wie es sogar eine begleitende Auftragsstudie des Ministeriums
für Städtebau bescheinigt.
Schon in den Anfängen des Projektes finden sich Komponenten,
die sich als Fundament einer verallgemeinerbaren und übertragbaren
arbeitspolitischen Handlungsmodelles lesen lassen. Durch die Verbindung
von Selbsthilfe, ehrenamtlichem Engagement, die Mobilisierung von Arbeitslosen
und professioneller Handwerksarbeit wurde eine bauwirtschaftliche Verwertungslücke
geschlossen. Es entstanden für einige Jahre zusätzliche Arbeitsplätze
und Aufträge für die lokale Wirtschaft, die anders nicht hätten
entstehen können.
Wie kam es aber zur Idee der Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen?
Unsere altbackenen Unternehmensphilosophie führt zwar
nicht automatisch zur Betätigung als Beschäftigungs und Qualifizierungsprojekt,
einfache Rechenexempel legen sie jedoch mehr als nahe: Wir hatten über
Jahre sinnvolle Arbeit, außer unseren jeweils erwirtschafteten Eigenerträgen
jedoch kein Kapital. Hat man, wie in der Wirtschaft üblich Kapital,
stellt man derartige Rechenexempel hingegen gar nicht erst an:
Im Falle von ABM Stellen kann man mit 20% der üblichen Lohnkosten
80% bis 100% der Leistung einkaufen. Über HZA lassen sich gegen die
Regiekosten mindestens 60% der üblichen Leistungskraft aktivieren.
Die Sache läßt sich auch so ausdrücken, daß die
Millionenbeträge, die dem Projekt als direkte Wohnungsbausubventionen
nicht zur Verfügung standen, im Laufe der Jahre durch die Hintertür
personenbezogener Arbeitssubventionen ersetzt wurden: Geförderte
Arbeitskraft als Subventionsersatz.
Ausgehend von dieser Grundüberlegung haben wir seit 1985 Beschäftigung
und Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen als Zweites Standbein
des Projektes systematisch auszubauen begonnen und ihm durch Gründung
eines zweiten GesellschafterVereines mit Namen "Soziale Arbeit
e.V. auch einen stabilen gleichgewichtigen Rechtsstatus gegenüber
dem Leitziel Wohnungspolitik verliehen. Mitarbeiter wurden
zu Meistern ausgebildet, bzw. neue Meister eingestellt, um auch über
die reguläre Ausbildungsbefugnis zu verfügen und die erforderlichen
Voraussetzungen für die Annahme von Fremdaufträgen erfüllen
zu können. Ein Großteil der Mieterträge wurde auch in
die Ausrüstung der Werkstätten investiert......
Dieter Bellmann
www.cherisy.de
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